Überschrift Studio Trier Alle sieben Wellen 06.11-page-001(1)
Die beiden Schauspieler Vanessa Daun und Jan Brunhoeber, die schon den großen Romanerfolg Daniel Glattauers Gut gegen Nordwind auf der Studiobühne in Trier verkörpert haben, vermutlich im gleichen Bühnenbild, sind auch in der von den Fans des Autors einst ,erzwungenen Fortsetzung‘ Alle sieben Wellen wieder Emmi Rothner und Leo Leike.  Dem Autor Daniel Glattauer war mit den beiden Romanen das Kunststück gelungen, die eigentlich doch eher ausgestorbene Gattung Briefroman nicht nur neu zu beleben, sondern das so zauberhaft und geistreich zu tun, dass beide Romane auf den Bestsellerlisten landeten. Daniel Glattauer wurde berühmt, und das sicher nicht zu Unrecht, denn selbst für nicht unbedingt Lesebegeisterte, und sogar für Männer, waren diese Texte ein wunderbar leichter, aber sehr tiefer Diskurs über die Liebe, das ewige Thema. Nur mit dem Ende des ersten Bandes „Gut gegen Nordwind“ war man nicht glücklich gewesen, denn Emmi und Leo hatten sich kennen- und liebengelernt, aber Emmi und Leo waren am Ende kein Paar geworden. Böse Stimmen hatten geunkt, der Autor hätte es auf eine Fortsetzung abgesehen, Glattauer schenkte seinen Lesern jedenfalls eine Fortsetzung, in der die Leser ein Happy End erhielten, auch wenn es wie immer, zumindest von Emmi, leicht ironisch gebrochen war.

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Nun ist es eine Binsenweisheit, dass aber Liebesgeschichten wohl trotz aller literarischen Brillianz lieber von Frauen gelesen werden, und so sind an diesem Abend im ausverkauften STUDIO im Theater Trier nach nasskalter Anfahrt wesentlich mehr Frauen anwesend, die einer spritzigen, rasanten und handwerklich gelungenen, unprätentiösen Inszenierung folgen, die nie lahmt, nie hängt, in der beide Schauspieler, auch physisch, bis an Ihre Grenzen gehen. Wesentliches Merkmal dieser Inszenierung, die leicht und zuweilen laut und auch wuchtig daher kommt, dass auf dem Theater natürlich nicht der komplette Text zelebriert werden kann, aber die geschriebenen Dialoge geschickt zuspitzt werden, so dass die Zuschauerinnen und die wenigen anwesenden Männer ein wahres Feuerwerk an Dialogen erleben, das geschickt die Balance hält, so dass die Zuschauer sich sehnsüchtig ein Happy End wünschen, aber vor allem spüren, wie leicht und an diesem Abend vollkommen schwer sich Emmy und Leo das Einanderfinden machen. Begegnungen, die stattfinden, wirken wie erste tastende Berührungen, gehen sofort wieder auseinander  und der Zuschauer weiß im Regelfall nicht, ob die Begegnung real oder nur in der Imagination der Email Schreibenden stattfinden.

Emails sind ja eigentlich schon fast wieder ein Anachronismus in Zeiten von Facebook, Twitter und Whats App, aber Liebende kommunizieren wohl immer noch eher auf diesem Weg, wobei die Vorstellung, dass selbst der romantischste oder erotischste Flirt von BIGBROTHER NSA mitgelesen werden kann, doch mehr als beunruhigt. Fühlt man sich da nicht sofort ans Leben der Anderen erinnert. Diese Ebene, die keinerlei Berührungspunkte mit den Romantexten hat, findet auf der Bühne nicht statt, aber an diesem Abend gibt es Begegnungen von Emmi und Leo, Essen, Kaffee, eine erotische Begegnung, doch sie werden nur angedeutet mit den gelungenen leicht verfremdeten Schwarz-Weiß-Videos (von wem?), die auf den rückwärtigen Lamellenvorhängen des gelungenen Bühnenbildes von Susanne Weibler stattfinden. Ebenso gelungen das vor allem die Weiblichkeit Emmis betonende Kostümbild von Carola Vollath.  Doch die Liebenden sind wie die beiden Königskinder, die einander nicht erreichen können.

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Die beiden Laptops sind nicht wirklich Requisite, sondern Imaginationssymbol. Die beiden roten Streifen auf ihren Bildschirmen der nur ansatzweise bespielten, aber gar nicht bzw. kaum als Requisiten genutzten Laptops, betonen das Trennende dieser virtuellen Beziehung im virtuellen Roman und virtuellen Raum, genau, wie die roten Trennstreifen die einzelnen hoch und flach stehenden Kuben ,zieren‘, die eine für dieses Stück so optimale virtuelle Wohnlandschaft bilden.  Ich bin nicht sicher, ob das Auf- und Zuziehen der Lamellenhintergründe wirklich notwendig ist, verstehe es aber als ein Symbol für den Verlauf der Zeit des ja in gespielter Zeit rasend schnell daherkommenden Textes und Stückes, was sowohl in den Romanen, aber vor allem an diesem Abend natürlich für immense Kurzweiligkeit sorgt.

Im Grunde besteht die Bühne bis auf eine Art schwarzem Hochbett nur aus den Bühnenpodesten, teils flach als kleine Bühnen oder Möbel genutzt, oder hochstehend als Einrichtung ebenfalls nur vorstellend. Das ,Hochbett‘ entpuppt sich nebst an amerikanische Lofts erinnernde ,Windmaschine‘ als häufigste Zusatzbühne, Wohnhöhle von Emma mit etlichen Spiel- und Nutzungsvarianten, erfreulich konkret in seiner Virtualität angesichts der Tendenz der Leerraum Bühnenbilder der Gegenwart.  Mal agiert Emmy dort oben zuweilen kokett, zuweilen spitz, zuweilen herrlich ironisch. Und der Kerl Leo kann dieser Ironie oder Emmis Humor ebenfalls zuweilen nicht folgen. Oder Emmi ,flüchtet‘ sich unter das beschützende Dach, wenn Leo sie mit seiner Pamela, die Emmy nur köstlich spitz PAM tituliert, wieder in den Wahnsinn treibt bzw. kurz davor. Das ist schon schweißtreibend, was die Darsteller an Weg zu meistern haben, Leiter hoch und Leiter runter, zwischen die wohl eine Ankleide vorstellenden beiden Podeste bei Emmy, und die eine andere Art Möbel andeutenden, ebenfalls senkrecht gestellten Podeste bei Leo, und rundherum in diesem virtuellen Raum an Darstellung zu bewältigen haben, kopfüber und herüber über die anderen Podeste mit betrunkenen Sprüngen, künstlich stürzend, oder bei Emmy in einem kleinen feinen Besoffen-sein-Solo und einem kleinen Highlight mit zwei Händen und drei Whiskeyplastikbechern.


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Dieses kleine Solo – Trunkenheit passiert beiden zuweilen ob ihrer Verzweiflung in Ferne und Einsamkeit – ist ein kleines Meisterstückchen. Die Oberkante eines Podestes nutzend spielt die wunderbar empathische und auch im Lauten nie peinliche Vanessa Daun nur mit ihren Händen ein ,Puppentheater‘, das nur so vor Witz sprüht, drei Plastikbecher und mal eine, mal zwei Hände genügen, um die Zuschauer zu fesseln. Das ist schauspielerisch äußerst gelungen, der Kollege steht dem nicht nach und dürfte mit seinem Charme die Herzen des weiblichen Publikums gewonnen haben. Ich meine, beim Herausgehen ein ,War der süß‘ vernommen zu haben, bevor das Gelächter und die lauten Gespräche zwischen den Besucherinnen den männlichen Besucher daran erinnern, dass Frauen andere Formen der Kommunikation bevorzugen, und dass es eben Frauen und ihr Gegensatz zu Männern sind, die auch Theater und diese Funken sprühende Unterschiedlichkeit erst möglich machen. Insofern gibt es sicher verschiedene Lesarten dieser Inszenierung.

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Was das wirklich Besondere von Leo und Emmi an diesem Theaterabend zu sein scheint, das ist die Ferne, die die beiden zwischeneinander spielen und spüren, allein der Kuss am Ende scheint diese Fernheit und Fremdheit zu brechen, aber Regisseur Werner Tritzschler verweigert uns das Happy End, das Glattauer seinen LeserInnen beschert. Nach dem Kuss kehrt wieder Trennung ein zwischen beiden, und es wäre denkbar, dass alle scheinbare Nähe und alle Begegnungen nur Imaginationen gewesen sind, zumindest bleibt es ambivalent, obwohl sie sich doch in den Emaildialogen, die zuweilen Screwballkomik und auch manchmal fast strindbergsche Schärfe erreichen,  (fast) gefunden haben.

Da sind zwei, die vergehen fast vor Sehnsucht, aber am Ende sitzen sie in der sicher rührendsten Szene des Abends, (die auch das langsame Tempo einlöst, das der Rezensent sonst an diesem temporeichen Abend ein wenig vermisst hätte) beide von Schmerz, Liebesschmerz, Trennungsschmerz bewegt, oder in einer Vision, wie es einst sein könnte, wenn der Zauber der Imagination über Mail, der Zauber der Virtualität, der Zauber der Verliebtheit verflogen ist, jedenfalls zu Tränen rührend und gerührt, nebeneinander, aber nirgendwie verbunden, zu Rammsteins Ohne dich und langsam verlöscht das Licht, während sich das ,Windrad‘ in Emmis Wohnhöhle weiterdreht, an amerikanische Ikonographie erinnernd, Schatten werfend, ebenfalls langsam in der Dunkelheit verschwindend, während Emmy und Leo noch als Silhouette erhalten bleiben.

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Die Sehnsucht hat nie ein Ende, aber auch andere Interpretationen bleiben, und der Abend ist leider nach neuzig Minuten schon vorbei. Die ZuschauerInnen, sichtlich bewegt und fast gerührt, danken nach kurzer Pause mit sehr starkem Beifall einer Inszenierung, die schon über ein Jahr alt ist und wirklich sehr frisch daherkommt. Den beiden Darstellern und dem wirklich unprätentiösen Kreativteam gebührt dickes Lob.  Und der Rezensent ärgert sich, dass er erst jetzt aufs Theater Trier aufmerksam geworden ist, denn er hätte gerne Gut gegen Nordwind in gleicher Kulisse mit diesen  sympathischen Schauspielern gesehen, zumal diese wunderbare Nähe zu Darstellern und Bühne eine Intensität erzeugt, die es eben nur in kleinen Theatern gibt.

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Weitere Vorstellungen am 7.(heute) und 8.11 und am 21.12 und 22.12.2013…

mit freundlicher Genehmigung

ALLE SIEBEN WELLEN
theater.trier . Fotos: Marco Piecuch