Da mir das Thalia Theater aus rechtlichen Gründen keine Bilder zur Verfügung stellen kann, werde ich die Welt mit meinen ‚Kunstwerken‘ beglücken.

Zweite Überschrift Jedermann Hamburg Thalia Theater Regie Bastian Kraft 26.10-page-001

Nach circa einer halben Stunde kommt es fast zum Eklat. Eine ältere Dame, grauhaarig, steht auf und bewegt sich ziemlich ungeniert durch die Reihe zum Ausgang. Eben sind auch schon ein paar Leute gegangen, allerdings unauffälliger. Der Schauspieler Philipp Hochmaier nimmt die Provokation geschickt auf und variiert sie innerhalb des Stücktextes, das sind die wahren Schauspieler, die alles, auch die Reaktionen des Publikums  in der Lage aufzunehmen sind. Natürlich fühlt sich die alte Dame vorgeführt und wird richtig böse:

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Sie habe nicht den Hörsturz mitbezahlt, schnauzt sie in Richtung Bühne. Das kann einen in der Privataufführung in Helmut Schmidts Wohnzimmer gestählten Amerika- und Faustdarsteller nicht aus der Spielruhe bringen, deren Qualität für eine Nachmittagsvorstellung sehr hoch ist. Und natürlich kontert er noch einmal mittels des Stücktextes….Ergebnis, nachdem die ältere Dame gegangen ist: donnernder Applaus. Es ist diese Haltung, dieses Ich-habe-bezahlt-also-will-ich-unterhalten-oder-berührt-werden , das im einundzwanzigsten Jahrhundert anachronistisch wirkt und das konzentrierte Publikum nervt und aufregt.

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Und schließlich haben überall im Theater Infozettel gehangen, die auf die Lautstärke der Livemusikperformance von und mit Simonne Jones hinweisen. Man erwartet allerdings eher ein ganzes Orchester oder eine ganze Band, wenn man beim Eintritt auf die auf das auf die reine Vorderbühne begrenztes ,Spielfeld‘ des Harmoniums, des Flügels, der Orgel, diverser E- und Akustik Gitarren und einiger Percussion Elemente ansichtig wird. Nein, es ist eine langhaarige junge Dame, die diesen Abend mit bestechender Musik unterlegt, begleitet und kommentiert, teilweise mitspielt, aber sich nie aus ihrer Rolle als Musikerin entfernt, dabei noch eine beachtliche Stimme ihr eigen nennt und zum Schluss des frühen Nachmittags vom eigentlich durchweg älteren Publikum mit rhythmischem Klatschen und Jubelrufen genauso wie Schauspieler Philipp Hochmaier zu Recht gefeiert wird.

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Nun ist man ja nicht nur aus Köln Musiker im Bühnengeschehen gewohnt, aber dort und eigentlich überall treten die Musiker trotz allem immer in die zweite Reihe, selbst wenn sie live performen und manchmal sogar improvisieren oder jammen. Aber die Show, die Bastian Kraft den Zuschauern mit seinen Protagonisten bietet, ein ,Jedermann‘, wie die Kollegen schreiben, als rockiges ,Mysterienspiel‘, ist wirklich umwerfend, obwohl eigentlich jegliche Illusion bzw. auch Spirituelles im Gewand des Mysterienspiels verweigert wird.

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Ich äußere jetzt mal leise Zweifel, ob die musikalische Stilrichtung wirklich rockig ist, aber bekenne auch freimütig keine wirklichen Einblicke in die Musik jüngerer Leute zu haben. Mir hat es erstens gefallen, schließlich gebärdet sich der Darsteller Philipp Hochmair wie ein Rockstar, und zweitens angesprochen und in Erinnerung geblieben sind die Sätze We were young und We dance.

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Damit sind die entscheidenden Elemente, die Kraft, Hochmair und Simonne Jones dem JEDERMANN hinzufügen, und ihn so zu einem in Koproduktion mit den Salzburger Festspielen entstandenen packenden Stück Theater variieren….genannt…

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Die graue Wand, die den Bühnenraum vom Zuschauerraum abtrennt, trägt in Scheinwerfern geformt das Wort LIVE, das ist ein fast ironischer Kommentar über das, was als sparsam-gekonntes-Einziges halbwegs auf die Form des Abends zutrifft, dessen Bezeichnung sich nur mühsam dem Gehirn des Rezensenten entwindet. Das das vor den Zuschauern als Theater abläuft, wobei die Raffinesse fast unbemerkt auch durch ein Bühnenbild entsteht, das zunächst nur aus Leinwand im Hintergrund, Bühnenscheinwerfersteg zu deren Füssen, und zwei stehenden LEDSchriftLAUFBANDprojektionsgeräten auf dem Stativ zu bestehen scheint.

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Das erste LED-Laufband zeigt die aktuelle Zeit, die Zeit, die für empathisch erpacktes Publikum und Bühnenakteure gleichbleibend schnell fast abzulaufen scheint. Die etwa eine Stunde Zeit, die Jedermann in ungefährer Echtzeit noch bleibt, die ihm der TOD gerade noch gewährt hat, ihn aus dem bisherigen Leben der finanziell abgesicherten Sorglosig- und Geschäftigkeit durch die im Himmel beschlossene Gerichtsbarkeit herausgerissen…..die Jedermann in seiner Todesnot auch benötigt, um im Frieden mit sich ins Grab steigen zu können. (Am Rande bemerkt, dass er die von Elisabeth Kübler-Ross herausgearbeiteten Stationen des Sterbens generell durchläuft.)

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Der Jedermann, der sozusagen gerade als gefeierter Rockstar aufgetreten ist und sehr unterhaltsam sozusagen als multiple Persönlichkeit, die Rollenaufspaltung als logische Folge eines gottlosen Himmels auf einer ROCKBÜHNE mit medialem Hintergrund zelebriert, so mehr sprachfacettenreich denn szenisch, dass es nur so eine Kunst ist. Jedermann kaut die Sprache, würgt sie heraus, schleudert sie um sich, zermalmt sie und gurgelt sie, schluckt und verspeist sie, peitscht sich und die anderen Facetten an sich bis zum Zusammenbruch, immer wieder kommentiert, untermalt, begleitet von der Musik, die sowohl inhaltlich jung als auch darbietungsmäßig mindestens kongenial zur Schauspielkunst Hochmaiers ist, manchmal vielleicht sogar ein kleines Meisterwerk für sich, wobei den musikunkundigen Rezensenten die Gattungszuordnung interessieren würde.

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Welche Facette/Person des Stückes beziehungsweise der multiplen Persönlichkeit gerade berührt und zeleberiert wird, zeigt ein zweites LED-Laufband, so dass es trotz der Überlagerungen durch darstellerische Mittel nie Irritationen gibt, an welcher Stelle des Stückablaufs man gerade ist. Das Spiel wird dank der breiten Palette darstellerischer Mittel zu keinem einzigen Moment langweilig, Simonne Jones nie Mitspielerin, sondern immer sie selbst und Musikerin, selbst wenn sie auf Hochmaiers Darstellung reagiert oder in seltenen Momenten von Ihm angespielt wird

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Wunderbar das Spiel mit dem Skelett, einem Quasigegenüber, das mittels Leuchtauge und Kameraauge noch Bilder auf die Rückwand projiziert, Bilder des überheblichen und mitten im Leben stehenden Jedermanns, des angstvollen Jedermanns, des nicht wahrhaben wollenden, des verhandelnden, des depressiven und des zuletzt sogar gläubigen Jedermanns, der erst ins Grab steigen kann, mit dem Skelett, mit dem Tod, nachdem er in einem Winkel seiner Person die Facette der Werke und schließlich sogar einen Glauben gefunden hat, einen Glauben, den der moderne Mensch ja eigentlich gar nicht mehr haben kann.

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.Theater ist eben nicht immer beschreibbar und Theater ist schon schwer beschreibbar, wenn es wie hier zunächst drei Zeichenebenen gibt, die musikalische, die theatralische und die mediale, denn die Kamera im Kopf des Skeletts schafft durch die zuweilen zeitgleiche, zuweilen zeitversetzte Projektion nicht nur eine faszinierende dritte Zeichenebene, sondern die drei Zeichenebenen verschwimmen, weil man nicht gleichzeitig doppelt bzw. dreifach schauen und dreifach hören kann. Fast bedrückend genial der Wechselrhythmus der Ebenen, die einander kommentieren, überlagern und durchdringen……Obwohl ich schon Menschen im Sterben begleitet habe, ist mir dieser letzte Schritt einer Art Hingabe an den Tod wie vielleicht allen, die mitten im Leben stehen, rätselhaft geblieben. So hilft mir das Bild des ins Grab steigenden Jedermanns, ein wenig einzudringen in das wahre Mysterium des Lebens, in das Mysterium dieses so ungeheuer lebendig daherkommenden Theaterablaufs einzudringen, der so schwer zu beschreiben ist, nicht in den Abläufen, sondern in den sich einer Rationalisierung zum Teil entziehenden Bedeutungsebenen.

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Besonders raffiniert die Ergänzung des Bühnenraums nebst Video (Peter Baur assistiert von Jonas Link) durch eine Kleinversion des Bühnen‘raums‘ nebst Miniversion, auf denen ebenfalls zeitgleich abgebildet oder zeitversetzt zurückgeblickt wird. Beide symbolisieren den das Sterben erst möglich machenden Rückzug von der Welt, den Jedermann und jeder Sterbende vollzieht und in diesem Augenblick wird wohl ganz Anderes wichtig als Bühnen -und der Goldflitterreichtum des Bühnengeschehens und der irdischen Diesseitsbezogenheit. Glauben bei Hoffmannsthal, in dieser Inszenierung, in der es weniger um Theologisch-Spirituelles geht, die Hingabe ans Geschehen und an den Tod, auch wenn selbst der junge weibliche Engeltod der Musikbegleitung niemals auch nur den Anschein gibt, als wolle er mit ins Grab hineinsteigen. Beinahe rührend wie Jedermann das Theater öffnet, das Skelett in die Bühnenbodenöffnung quasi stellvertretend hineinstopft und er selbst, Jedermann, tut es nicht. Er fährt wieder mit der sich hinabgesenkten LIVE-Lichtbrücke zurück in den Theaterhimmel. Licht aus, Ende, großer Jubel und dazu berechtigt.

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Ein vorzügliches Programmheft (wie die Dramaturgie in den Händen von Beate Heine) enthält indirekt zusätzliche Literaturhinweise und etliche gelungene Fotos, gibt sehr gute Hilfe zum rationalen Durchdringen des Theaternachmittags bzw. -abends und ist wesentlich mehr als Stück Erinnerung, wie die meisten Bilderbücher zu Theaterinszenierungen heute… Besonders spannend der Aufsatz zu den Parallelen von Geldwirtschaft und Theologie. So wird das fulminante Theaterstück auch noch zu einem glänzenden Diskurs über die Spiritualität des Kapitalismus und der Weltmediengesellschaft, reißen Selbsterdachtes weiter auf und eventuell nieder.

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Philipp Hochmair ist für seine Leistungen als fulminanter Jedermann beim diesjährigen Young Directors Project der Salzburger Festspiele für den NESTROY-Preis nominiert. Auf seiner facebookseite finden sich zahlreiche weitere Fotos: https://www.facebook.com/philipp.hochmair?fref=ts

Ich wage einmal die Behauptung, dass dieser so vielschichtige  HamburgSalzburger Jedermann jede Touristeninterpretation in Salzburg weit in den Schatten stellt. Die Reaktion des Publikums lässt erahnen, dass Bastian Krafft, seinem Kreativteam und diesen beiden herausragenden Bühnenakteuren ein Stück Theater gelungen ist, das das Zeug zur jahrelangen Kultinszenierung hat, zum Publikumsrenner, wobei es doch trotz aller spannenden Interpretation und zupackenden Theatralik ausgerechnet dieses Thema in dieser eher altmodisch daherkommenden Textfassung so den Nerv der Zeit trifft. Schließlich geht es immer noch um den Tod……

Wer Bilder vom Hamburger Jedermann sehen möchte, sei auf die Facebookseite des Darstellers Philipp Hochmaier verwiesen:

https://www.facebook.com/media/set/?set=a.10151970599132363.1073741828.323360932362&type=1