U_berschrift_3_Fru_hlings_Erwachen_Wedekind_Theate

Sie sind jung und sie stehen am Ende ihrer Theater-Akademie-Ausbildung in Hamburg. Sie spielen Frühlings Erwachen von Frank Wedekind. Schwer vorstellbar, dass dieses Stück einst ein Skandal war, und so haben Regisseurin Karin Neuhäuser und ihre Dramaturginnen Sabine Dhein und Christine Wegerle, die Geschichte von Wendla und Melchior und den Anderen mit Texten unbekannter und bekannter Menschen verschnitten, einen Crossover geschaffen, der mittels Inszenierung und Musik wieder spürbar macht, mit welcher Wucht dieser Text einst in der Bürgerlichkeit eingeschlagen haben muss. Was damals Etikette war ist heute Lieblosigkeit oder Zeitmangel und so dürfte es keineswegs so sein, dass die alten Säckiinnen und Säcke gerührt auf ihre Jugendzeit blicken können, abgesehen davon, dass sehr viel junges Publikum sich trotz aller Aktualisierung vor allem köstlich unterhält, und so fällt wie bereits Montag bei der Spurensuche über die Auswanderung der Beifall stärker aus als am gestrigen Abend im Thalia Mutterhaus. Dieses Stück hat solange seine Berechtigung, wie Menschen im Älterwerden ihre Antennen kappen und nicht mehr aufnahmefähig oder aufnahmebereit für die Katastrophe sind, die Pubertät und auch Leben generell bedeuten können.

Zu Beginn blickt der Zuschauer auf einen an einen eisernen Vorhang erinnernde, unter der Decke hängenden Kasten (Bühenbild/Ausstattung Kai Cassuben), der rostbraun gestrichen ist, darunter ein Kunstgraskarree, umkränzt von Gardinen. Auf dem grünen und künstlichen, Theater schreienden Rasen, drei Maulwurfshügel, ein paar Blümchen. Auf diese Weise wird die Optik gedrückt und der Kasten, auch Theaterzukunft symbolisierend , wie sich der Rezensent ausmalt, hängt wie ein Damoklesschwert über der Spielfläche. Es ergibt sich eine Nahaufnahmesituation in Cinemascope im ansonsten schwarz ausgehängten, so wunderbar variablen Bühnenraum des Thalia in der Gaussstr.. Ansonsten ein paar Stühle, ein Tisch, das ist alles. Requisiten spielt man, und wäre da nicht der Apparat des Theaters neben dem versierten musikalischen Leiter, der bei den zahlreichen Musikanlagen für hohe Qualität sorgt: Matthias Stötzel, so könnte man glatt , zumindest am Beginn, von armem Theater sprechen. Die Menge der Lichtwechsel und der Stil der Inszenierung, der es natürlich vor allem darum geht, ihre Darsteller Irene Benedict, Jasper Diedrichsen, Raphael Gehrmann, Jakob Geßner, Marie Jordan, Björn Meyer, Lea Nacken und Lousia Zander, denen angesichts von Einsatz, Frische und Spielfreude zu wünschen ist, dass sie weder eine Ochsentour durch die Provinz machen müssen, zum Beispiel der Tiefpunkt des Theaters bei der Landesbühne in Bruchsal, noch sich in vielen off oder off-Selbstausbeutungen beweisen müssen. Ich denke, dass sie alle das Handwerkszeug dazu haben, sich durchzusetzen, aber ich denke, junge Theaterleute wissen heute, dass es auch ein wenig Glück bedeutet, sich an den großen Bühnen durchzusetzen. Ihre Ensembletauglichkeit beweisen sie in der Inszenierung der durch Film und Fernsehen und viele bedeutende Engagements bekannten Karin Neuhäuser, die inzwischen festes Thalia-Ensmblemitglied ist.

Das Licht schält acht junge Leute im Turndress aus dem Dunkel, die erst mal mit einer musikalischen Einlage beginnen, an einem Tag, an dem bekannt wurde, dass Frau Merkels Handy abgehört wurde, die Situation der Lampedusa-Flüchtline in der St. Pauli-Kirche sich weiter zuspitzt, der Theatertraum der neuen Schauspielhausintendantin einen empfindlichen Dämpfer erhielt und Theater und der Theatertraum junger Leute ja schon fast ein Verbrechen zu sein scheint angesichts einer finsteren Welt. Nein, ist es nicht. Es ist Wahnsinn, wie wir Alten mit den Jungen umgehen, hier und in Südeuropa und generell.

Dabei ist das doch die Zeit, in der man allerdings auch uns weißgemacht hat, dass alle Möglichkeiten, der ganze Reichtum des Lebens vor einem liegen, eher der Alptraum, den man nie wieder im späteren Leben erleben möchte. Dabei ist man unsicher überhaupt, spürt zum allerersten Mal aus angeblicher Behütetheit der Kindheit herausstürzend, dass man sterblich ist, muss sich mit beginnender Sexualität, dem anderen Geschlecht, das einem genauso Höllenangst einflößt wie Sexualität oder Homosexualität , auseinandersetzen, macht erste sexuelle Erfahrungen an sich oder mit dem anderem oder dem eigenen Geschlecht, kompensiert die eigenen Ängste, die eigene Unsicherheit und ein im Regelfall bestürzendes Selbstwertgefühl mit Coolness und anderen lauten Sprüchen. Nicht anders hier.

Indem man die Vorhänge beiseite und zur Seite spielt, bis am Ende der Blick auf den mit Klamotten bestückten Backstagebereich  freigefegt und freigerissen ist, konfrontiert man den Zuschauer mit der nackten Theaterrealität, in der der Kunstrasen und die Maulwurfshügel fast zur Idylle geraten, seziert man aber eher liebevoll Peinlichkeiten und Verklemmtheiten, Unsicherheiten, ich glaube und ach könnte ich….oder ach wäre ich doch anders. Es fehlt vielleicht der ganz große plausible Regieansatz, aber man spürt deutlich, wie intensiv die Regisseurin mit ihren Darstellern und Darstellerinnen gearbeitet hat, was in Zukunft noch lange nicht jeder Regisseur tun wird. Es hat den Anschein, dass sich alle ihrer Persönlichkeit und ihren bei den Herrn stärker ausgeprägten Typen gemäß entwickeln dürften. Es ist schließlich auch eine Qualität einer solchen Aufführung, dass sich ein Abschlussjahrgang einer Theaterschule in vielen Facetten präsentieren darf.

Die Jungen spielen auch die bei Wedekind ja bereits recht grob geschnittene sogenannte Erwachsenenwelt, variieren ohne Requisiten sehr vielseitige und schöne Bilder, indem die rückwärtigen Gardinen als Projektionsfläche genutzt werden.

Eines der Highlights ist die aus Selbstzweifelchören herausgeschälte Tanzstunde, die in einer wilden Party endet, wo es möglich ist, der verklemmten Nähe der Erwachsenentänze zu entkommen. Überhaupt zeigt Karin Neuhäuser in wechselnden Tableaus die vielseitige Begabung ihrer Nachwuchsdarsteller, indem sie keine festen Rollenzuweisungen anlegt, sondern zum Beispiel Wendla und ihre Mutter wechselseitig besetzt, bei den Jungen nicht anders. Das macht es trotzdem nicht schwerer den Abläufen zu folgen, die eigentlich nicht schwer zu verstehen sind. Es geht um Schulnöte, Schulsorgen, frühzeitige Schwangerschaften, ja eigentlich im Grunde um das WO-IST-DAS-GLÜCK, dem wir alle hinterherjagen. Nur hat man später vielleicht vergessen, verdrängt, wie weh das tut, jung zu sein, das zu realisieren, was man banal ,den Weg finden‘ nennt. Und so bleiben zwei auf der Strecke. Eigentlich kein Wunder. Ich weiß von einigen Aufführungen im Kielwasser von Theaterhäusern, in deren Folge sich junge Leute umgebracht haben.

Auch wenn die Inszenierung federleicht daherkommt, sie verschweigt nicht die Todesnähe der Entwicklungszeit und so ist Suizid trotzdem ein Thema, ein Höhepunkt die Geschichte vom zweiköpfigen König und der kopflosen Königin, einfache und feine Theatermittel wie den ganzen Abend mit großer Wirkung, in dem eigentlich jeder der acht sein persönliches Highlight bekommt. Neuhäuser schwenkt geschickt zwischen Zeitbezug und Heute, rückt das ganze Stück sehr nah an die Zuschauer heran. Nun zeigen einige der Erwachsenenszene das parodistische Element, aber die Fragen an die Mutter, die Wendla stellt, funktionieren heute  nicht mehr unbedingt. Hinreißend aber die Dialoge übers Wixen, der Song vom Schämen beim Wixen, der die Lebenswirklichkeit vollkommen trifft, wie man der Publikumsreaktion entnehmen kann. Den Zuschauern gefällts und vielleicht sind diese Einwände ja nur die Einwände eines meckernden Rezensenten. Auch in den emotionalen Leidens- und Ausbruchsituationen zeigen die Darsteller Courage und furioses Engagement, verdienstvoll, dass alles, selbst das Laute, immer genau auf die Bühne und den Raum angepasst scheinen.

Ach ja und ich weiß immer noch nicht, was Parallellepipedum ist, auch wenn ich teilweise so tue, als könnte ich jungen Leuten die Welt, zumindest die mathematische, erklären.  Natürlich habe ich es inzwischen nachgeschlagen. Das ist ein Unterschied zu damals, dass man nachschlagen kann.

Unterschied zu damals ebenfalls: heute kommen Kinder und vor allem Jugendliche nicht mehr in die Korrektionsanstalt, sondern in die Kinder- und Jugendpsychiatrie, oder direkt ins Bootcamp. Aber das wäre ein anderer Theaterabend und ein anderes Stück.

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