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Am Ende gibt es langanhaltenden Beifall, aber keinen Jubel. Der Rezensent fragt sich, ob das Hamburger Publikum nur Beifall klatscht, aber nicht jubelt, aber er besinnt sich eines letztendlich nicht so großen Theaterabends vor zwei Tagen, da hat die wesentlich geringere Anzahl der Besucher so stark gejubelt und getrampelt, dass die Zuschauertribune in der Gaussstr. erbebte.

Auf der ansonsten leeren Bühne liegt eine Art überdimensionales Pop-Up-Bilderbuch, ein blauer Gegenstand, der sich als ironisch blaues Pappbühnenbild (Jakobus Durstewitz) entpuppt und so perfekt der ironischen Szenenbeschreibung entspricht, die an diesem Abend das Dienstmädchen, genauer, das immer präsente Dienstmädchen (Christina Geiße), an der Rampe sitzend vorliest. Sie hätte, so stelle ich mir vor, beim Putzen Dürrenmatts altes Buch aus dem Jahr 1951 gefunden, sich darin versenkt und auf einmal festgestellt, wie aktuell dieser Text ist, auch wenn die Dramaturgie ein wenig überholt wirkt. Heutzutage spielt man ja eigentlich keinen Dürrenmatt mehr und so beginnt die Inszenierung des Stücks, das die Hamburger Zuschauer, vielbescholten von der Kuturkritik, in einer Publikumsbefragung im Frühjahr 2013 auf Platz eins gewählt haben. Aber man ist konsequent im Thalia und hat den Wunsch der Zuschauer ernst genommen und Christine Eder diesen selten gespielten Klassiker anvertraut, die ihn mit ihrem trotz Bänderriss von Matthias Leja gehandicapten Ensemble mit einer beneidenswerten Spielfreude auf die Thaliabretter wuchtet, dass das Bühnenbild zwischendurch nur so wackelt und das Gelächter der Zuschauer fast permanent daherscheppert.

Es hieße aber, dieser im Sog Quentin Tarantinos daherkommenden Inszenierung Unrecht tun, wenn man nur ihre komischen, burlesken und gekonnten Slapstickelemente betonte. So komisch das auch alles ist. Wie immer bei Dürrenmatt handelt man, dass es einem gemächlichen Handlungsaufbau gewohnten Zuschauer direkt zu Beginn schwindelig wird., gibt es kaum eine pointierte Zuspitzung, die nicht stattfindet, wenn sie denkbar ist.

Schon in der ersten Szene gibt es Mord und Ehebruch im Überfluss, kann man verstehen, warum das Stück vielleicht Dürrenmatts Weltruhm in den Fünfziger- und Sechzigerjahren begründete, aber dass die braven Schweizer, die so nebenher ihr Fett wegbekommen – du fährst in die Schweiz, da gibt es Berge, gute Luft und Langeweile, da kannst du dich gut erholen – mit dem immer Risiko gehenden Dürrenmatt so ihre Probleme und Problemchen hatten, wundert gar nicht. Dürrenmatt ist ein Prophet des Scheiterns und so ist es durchaus wunderbar, dass Dürrenmatts zu Unrecht selten gespieletes Stück als Auseinandersetzung mit Welt und Scheitern zugespitzt aber nicht zersetzt auf die Bühne kommt. Und da ist dem gesamten Team um Regisseurin Eder eine ganze Menge eingefallen, auch wenn es sehr unterhaltsam ist.

Es gibt etliche Zuschauer, die um mich herum nicht nur wie der Klugscheisser zwei Sitze weiter, der meint alles kommentieren zu müssen, vielleicht den eher biederen deutsch-schweizer Film aus dem Jahre 1961 im Kopf, nicht sicher zu sein scheinen, ob man denn so subventioniertes Stadttheater machen darf, es gefällt ihm, dem Klugscheisser und ihnen schon irgendwie, aber er nervt nicht nur mich mit seinen dämlich-altklugen Kommentaren, immer wieder hört man Einwände, ob das denn das Stück nicht hinrichte. Dabei ist es doch wunderbar kluges Spasstheater, das die Möglichkeiten zur Klipp-Klapp-Kommödie mittels des eigentlich stetig quais unter dem Damoklesschwert des am Rande des Zusammenbruchs stehenden Bühnenbildes vorzüglich löst.
Die  Schüler vor mir, deren Klasse mit ihrem Hin- Und Herrrückereien vor Beginn die hinteren Reihen tyrannisieren, gehen dagegen mit, als ob es ein Fußballspiel wäre. Sicher viele Zuschauer, die mitgevotet haben, sehen einen Publikumserfolg, der nach einem halben Jahr noch bemerkenswert frisch daherkommt.

Die ideologische Auseinandersetzung des Stücks um die drei grundsätzlichen Ideen der Protagonisten, Kommunismus, (Frederic Rene Saint-Claude – Sebastian Zimmler) das Gesetz Mose als Alternative zur nicht greifenden gesetzlichen Alternative, mit deren Messern der Staatsanwalt Florestan Mississipi (Andre Szymanski) ein Todesurteil nach dem Anderen produziert und des allein der Liebe wegen Handelnden, Mirco Kreibich als Graf Bodo von Übellohe-Zabernsee, der einen solchen Slapstickparforceritt präsentiert, dass er mit dem wirklichen Kabinettstückchen eines simplen Aufstehversuchs fast die Aufführung sprengt, so komisch-erbärmlich kommt dieser Liebesflüsterer daher, der der kühl-sinnlichen Anastasia (pragmatisch kalt bis erotische femme fatale: Catherine Seiffert) genauso auf den Leim geht wie der Staatsanwalt, der ihr die Buße der gemeinsamen Ehe auferlegt, nachdem ER SIE des Mordes überführt hat.

Und so fällt der Richter der Welt als selbstgerechter Henker im Rock eines Staatsanwalts die Todesurteile und sein liebend Weib, das als Einzige die Kleider wechseln darf, nicht nur als Sinnbild ihrer geschickten Taktiererei, mit der sie die auf ihre Rollen festgelegten Männer herumschiebt, als wären es Figuren auf einem Schachbrett, diese für den Zuschauer durchaus als Strippenzieherin angelegte Lady mutiert in der Außenwelt zum Engel der Verdammten in Gefängnissen, die ihr blutend-weinend Haupt in den Schoss der Barmherzigen betten dürfen.

Claude taucht auf, der Kämpe des Kommunismus, hinter dem wohl schon die Partei her ist, entlarvt Staatsanwalt Mississipi als Paule, den alten Cobetreiber eines Bordells. Ein Aufstand bricht los, den sich der Justizminister – bravo für die Leistung, diese Figur auch mit Krücken so souverän über den Abend zu steuern, dass man es im Grunde gar nicht merkt, dass Matthias Leja einen Bänderriss hat – das sind die Heldentaten des Theaters, die Schmrezen in Kauf nehmen und mit gebrochenen Rippen, angebrochenen Unterarmen, die Vorstellung für Theater, Kollegen und Zuschauer retten – diesen Aufstand macht sich der Justizminister zunutze und wird neuer Ministerpräsident, der Staatsanwalt kommt in die Irrenanstalt, bricht wieder aus, Bodo wird in seiner Liebesphilosophie bestätigt.

Wenn die Darsteller zu Beginn das alte Buch ,Mississipi‘ aufklappen und an die Rampe treten um sich zu schminken, dann ist das natürlich  auch wieder ein Diskurs über das Theater und seine Möglichkeiten, aber es ist auch wunderbares Sinnbild für die Zeitspanne, die zwischen Dürrenmatts Text bzw. seiner Entstehung und uns heute liegt. Dazu staubt es erst einmal gewaltig, die Pappbühne mit den aufgemalten Möbeln und Requisiten, die zum Teil ausklappbar sind und immer wieder zu Momenten von wunderbarer Komik führen, wenn die Stühle links und rechts keinen sicheren Sitz bieten, die Kiste im Hintergrund, als Auftrittsmöglichkeit neben Türen und Fenstern. Alles schrecklich schön himmelblau, das Bühnenbild in weißen kreideartig scheinenden Strichen aufgezeichnet, die Türen als Pappklappen, nach beiden Seiten zu öffnen. Und von Anfang bis Ende stetig präsent, wie ein Gaffer in den Kulissen, sozusagen immer nachhörend, was die da oben, die sich für so wichtig halten, an Intrigen spinnen und Verbrechen beginnen. So stellt sich das Dienstmädchen, das Dürrenmatts Buch im Regal der Herrschaften gefunden hat, das Theater vor, denkt sich der Rezensent, und so stellt es sich das Leben der da oben vor, dazu kracht es und tönt es, von Beethoven bis zur Internationalen, von HipHop bis zur Musik, die genauso flach unterhaltsam daher kommt wie die Vorspannkritzeleien der Kinofilme in den Fünfziger und Sechziger Jahren, die Pate für die ,Bühnenmalereien‘ gestanden haben.

Die Herren in rollenfunktionalen Kostümen – Ausnahme Bodo im völlig karrikierenden Tropenanzug mit Ökosocken in Sandalen – Lady Anastasia im noch als Witwe sinnlichen Hosendress übers Negligé bis zum bombastischen schulterfreien roten Abendkleid nicht nur sehr chic, zu chic, bräche die Darstellerin in der dem Slapstick der Herrn durchaus unterkühlt entgegengesetzter Ironie nicht diese Gefahr des Illusionären. Kostümbild Annelies Vanniaere und Musik Thomas Butteweg. Das Licht funktional und ebenfalls wunderbar ironisch rot mit dem Schlachtenqualm des Aufstands, fast so, als ob das Dienstmädchen Lieschen Müller sich das bunte Theaterleben vorstellt, ein ebenfalls gelungener ironischer Schlenker auf die Spielplanentstehungssituation dieses Stücks, das sich zum Publikumserfolg mausert….Christine Eder ist als Regisseurin in Hamburg auch nicht unbekannt am Thalia, eine relativ junge Regisseurin, die nach sieben Jahren Theater- und Regiearbeit im professionellen Bereich sehr souverän mit ihrem Team und ihren so spielfreudigen Darstellern bereits Herrin ihrer Mittel ist und der zuzutrauen ist, dass ihr und ihren Mitstreitern zu jedem Text etwas einfiele, selbst wenn er aus der Klamottenkiste des Theaters käme. Da käme sie allerdings Kollegen Herbert Fritsch ins Gehege, der landauf landab jedes Stück und jedes Theater in geölte Unterhaltungsmaschinen verwandelt und gerade in Zürich Dürrenmatts Physiker, nach Meinung der Kritiker, hingerichtet hat.

Sympathisch an Christine Eders Regiearbeit ist nicht nur die Tatsache, dass das Dienstmädchen, wie sich der Rezensent vorstellt, am Ende des Stücks als die Protaganisten neben Lady Anastasia dahin sind, als wäre es wirklich ein Film von Tarantino, die Schauspieler das Pop-Up-Missisippi-Bühnenbilderbuch wieder zusammenklappen und die Bühne aufgeräumt haben, sie dann verlassen, mit dem Dienstmädchen, das sich das alles vorgestellt hat. Und einige Zuschauer fragen sich, ob man das denn darf, diesen Klassiker von Herrn Dürrenmatt so ironisch-krachend auf die Bühne zu stellen.

Da wird die nur wenig größer als die Darsteller daherkommende Pappbühne zur Rampe, über die der neue Ministerpräsident seinen Erfolg verkündet, da fällt der Schatten der Klischeehaube des Dienstmädchens zum Edgar Wallace-Schatten auf der leicht geöffneten Papptür, da schubst einer der Darsteller den auch bei aller Komik masslos übertreibenden Bodo mittels Pappwand ins Stehen, da wird dieses Moment genauso lustvoll beinahe zerzelebriert wie ein scheinbarer Hänger, da wurschtelt der Staatsanwalt mit einer Sexpuppe herum, die man anschließend achtlos und zerbeult während des rauchenden und dramatisch rot beleuchteten Aufstands in die Attrappe der Standuhr, die Kaffeekanne des Dienstmädchens ist überdimensioniert, als wäre man im Figurentheater und es gibt wirklich kaum einen Zentimeter des Bühnenbildes, der nicht bespielt wäre – zitiert ironisch die Entstehungszeit als es noch keine abstrakten Bühnenbilder gab, bzw. keine abstrakten Lichträume wie nach dem Krieg, geschickt variiert man die Bühne von der Panoramaaufnahme bis zur Nahaufnahme des Auftritts an der Rampe, das Dienstmädchen oft als Quasi-Närrin in der Rolle der Kommentatorin, die das vermittelt, was man nun wirklich nicht mehr brechen oder darstellen kann.

Und immer wieder die Fragezeichen über den Gesichtern der Zuschauer. Darf man das so im Musentempel. Sicher doch und mit dem Kunstgriff des Dienstmädchens Lukrezia, das Theater visioniert, das sich Theater vorstellt als käme es manchmal aus dem Fernsehen, so denkt sich der Rezensent das jedenfalls, darf man das ganz sicher, in einer so überzeugenden Gesamtleistung sowieso und der Rezensent denkt, dass das Tolle am Theater ist, das es erstens live ist, zweitens direkt ist, drittens immer wieder anders ist, jeden Abend ganz anders als Fernsehen, das so oft gleichbleibend ist, viertens es eine so flüchtige Kunst ist, in ihm aber jeden Abend weiterwirkt, zum Teil des Netzes der Assoziationen, Stoffe und Bilder wird, mit denen er seine Formen seiner Stoffe auf den scheiternden Wegen seiner persönlichen Kunstruinen weiterverfolgt, die er genau wie diesen Text als Teil seiner stoffwechseltransformationsbaustelle betrachtet, die er als Idee des unfertigen Kunstwerks, das man sozusagen unendlich weiterverfolgen kann, unter anderem dem Theater und dem großen zu Unrecht ein wenig in Vergessenheit geratenen Friedrich Dürrenmatt verdankt, wobei man sich als Auswärtiger insgesamt bei diesem Publikum bedanken muss, das wirklich an manchen Stellen mitgeht, als wäre es im Ohnesorgtheater bzw. als wäre man im Rheinland. Das ist der Wahnsinn des Theaters, dass es sich jeden Abend gegen Kritiker, Unkenrufe, Kulturpolitiker und manchmal gegen sein Publikum behaupten muss. An diesem Abend allerdings nicht.

Und dass es kein Wagnis sein muss, ein Stück von Dürrenmatt zu zeigen, weil man bei ihm auch heute immer Aktuelles findet, das zeigt nicht nur die perfekte Analyse politischen Verhaltens am Beispiel von Justizminister und Staatsanwalt, dessen Tragbarkeit angesichts von dreihundertfünfzig Todesurteilen für dieses wankelmütige Ding der öffentlichen Meinung in Frage steht, mit der, der öffentlichen Meinung, sich auch die Theaterleute auseinandersetzen müssen , und die der Herr Justizminister geschickt für seine eigene Ministerpräsidentschaft, an diesem Abend auch mit Krücken, andere mit Rollstuhl, auch für sich zu nutzen wissen.

Daneben schnurrt der Abend ab als ob jemand ein gut gebautes Jojo auch noch gut zu bewegen wüssste…er war so künstlich wie die Bärte, die sich die Herren Schauspieler zu Beginn ins Gesicht malen, Christine Eder vermeidet auch klug ein zu starkes Einlassen auf die Diskursebene Dürrenmatts, ohne im reinen Boulevard zu landen, die der Autor Dürrenmatt so heutzutage sicher auch nicht mehr schreiben würde, ein sehr ansprechend gestaltetes Programmheft gibt Assoziationsmaterial, das die Dramaturgen heutzutage gerne verweigern, erinnert sei nur an Programmbücher aus den Achtzigern, die manchmal das Stück an Textumfang übertrafen und die sowieso nachwirkende Bilderkraft eines Theaterabends noch assoziativ intellektuell unterstützten und bereicherten, wie zum Beispiel neben den inzwischen obligatorischen ,Erinnerungsfotos‘ und dem gebrochenen Schriftwerk des Thalia, in diesem Fall mit einem herausragenden Aufsatz bzw. Interview von Ruedi, der den Kommunismus keineswegs zu den dem Dürrenmatt entsprechenden Akten gelegt sieht wie etliche Philosophen der Moderne unter anderem der Franzose Alan Badiou, sondern das Scheitern des Lenin-Stalin-Kommunismus mit ihren diktatorischen Geheimdienstapparaten, unter denen ja das heutige Russland immer noch leidet, als Chance begreift, wobei ich nach Lektüre von Ayn Rands DER STREIK und Ansicht der gelungenen Kölner Inszenierung wohl zu bedenken gebe, dass ein reines administratives Herangehen an einen neuen Sozialismus, den Böll schon in seiner Fürsorglichen Belagerung einem Industriellen in den Mund legte.

Das Kaspertheater als Assoziationsfeld bezieht sich nicht nur auf die Inszenierungseinfälle, nein auch auf der Körpersprache der Akteure, wenn sie wie ein Kistenkasper erscheinen, mit der überdimensionierten Kaffeekanne auftreten, über den Rand der Bühne agieren, die Kulissen verbiegen, den blanken Hintern vor lauter Übermut in der Fensteröffnung präsentieren, wie die Sexgummipuppe im Sterben herumeiern, am Kronleuchter hängen, nur von Maschinengewehrdonner ermordet oder mit dem Pappmaschinengewehr die Bühne stürmen, ja so stellt sich Dienstmädchen Lukrezia, die ihre scheinbar naive Rolle immer geschickt unterspielt, das Theater und das Leben vor, und es braucht keiner Erderückprojektion wie im Bühnenbild noch abgebildet – Fotomontage? – um sich sicher zu sein, dass dieser Abend nicht nur äußerst unterhaltsam daher kommt, die Berechtigung zur Wiederaufführung des Stücks und den Zuschauerentscheid beinhaltet, keineswegs reiner Boulevard ist wie die Kritiker trotz des Publikumserfolges meinten, die leider diverse Unterhaltungsformen des Theaters zu Boulevard vereinheitlichen – Motto: Boulevard ist, wenn sich das Publikum schlapp lacht bzw. Fragen nach der Berechtigung stellt – vor allem zeigt es die Berechtigung des Thalia Theaters und des Autors Dürrenmatt auch noch heute….und auch den Mut einfach mal krachende Diskurspositionen ohne allzu ausführliche Erörterung aufeinanderprallen zu lassen.
Bodo Graf Lächerlich, Slapstickkönig bis zur Enervierung von Publikum und Kollegen spricht es aus, und so herausgearbeitet wird es zum Motto des Abends: Sollten sie sich nach der Berechtigung des Stücks fragen, liebe Zuschauer.

Ein äußerst gelungenes Beispiel für das keineswegs überdrehte Tempo der Inszeneierung, die mit sehr geschickten Tempiwechseln auch nicht von Anfang an ihr Pulver verschießt ist die Pointierung in einem der Schlußdialoge zwischen Anastasia, die mit Arschloch beginnt, von Claude mit Hure gefolgt und von auftretenden Dienstmädchen mit Kaffee schließlich aufgelöst wird. Das ist nur eines der Beispiele für die geschärften Dialoge, die ich als geschickt gekürzt von der Dramaturgin Sandra Küpper ansehe, denn der Abend ist mit rund einhundert Minuten fast ideallang für die verhandelte Thematik und den gewählten Ansatz, gutes bis sehr gutes Theaterhandwerk sowieso und eben dieser Qualität von Schauspielern, die man nur auf den ersten Bühnen der Republik findet.

Natürlich liegt die Macht alleine in den Händen der beiden Frauen, aber das Ewigweibliche geht halt auch dabei zugrunde immer den Richtigen hinanzuziehen. Wie gesagt, als die zwischen Heiliger und Hure, Heimchen und Femme Fatale hin und her schwankende Anastasia ist der Motor des Geschehens, so sehr sich die Kerle auch einbilden möchten, sie zögen die Fäden der Geschehnisse bis es sie in einem erfreulich unblutigen Finale alle drei erwischt. Der Minister bzw. Ministerpräsident scheint nicht auf der Strecke zu bleiben, er folgt ja ach wie die anderen Wahnsinnigen nur dem Motto: Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit, wobei sie manchmal zu blöde erscheinen, sich einfach nur auf einen Papphocker zu setzen oder wie Andere sagen würden, ein Loch in den Schnee zu pinkeln. Das ist auch eine Essenz des Abends, keiner an die Macht, denn am Ende des Lebens steht immer nur der Tod. So ist Dürrenmatt vielleicht auch jenseits der Zeiten und Theaterwirksamkeit ein sehr genauer, weil eben selbst stetig scheiternder Trotzdemkenner des Lebens. Dass der Ministerpräsident auch nicht davon kommt, dafür sorgt sicher dessen gerade angetraute Ehefrau, eine neue Anastasia, eine neue Geliebte, eben das, was man sich bei Dienstmädchen Lukrezia so über die höheren Kreise denkt. Dazu gehören sicher auch Hausanzug, Plüschfederpantöffelchen und Negligé. Am Ende stelle ich fest, dass die Dame neben mir Schweizerin ist und das passt zu all den Schweizer ,Erfahrungen‘ meines eigenen Lebens, und so ist Theater manchmal auch ein halsbrecherischer Diskurs und Erfahrungs-Assoziationsstrom in der eigenen Erinnerung, im eigenen Gedächtnis, der eigenen Seele und ein Beleg dafür, dass Theater ohne Publikum nicht geht, im Kopf und Herzen jedes einzelnen Publikumsteilnehmers erst entsteht. Dafür darf man ihn auch sicher fordern den Zuschauer, das war an diesem Abend nicht in aller Grenzwertigkeit der Fall. Dafür war es äußerst kurzweilig.

pdf-Version des Textes

Die_Ehe_des_Herrn_Mississipp i_Dürrenmatt_Thalia_23.10.2013

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