ZWEITE Überschrift Wer hat Angst vor Virginia Wolf Theater Tiefrot  Regie Volker Lippmann  19.10-page0001

Am Ende verbirgt Martha (Julia Karl) ihren Kopf in Georges (Volker Lippmann) Schoß, seine Hand liegt fast zärtlich auf ihrem Haar, und unter seiner Hand grabbelt sie langsam mit ihrer Hand hervor und verschränkt sie in seiner. Erschöpft nach ihrem alkoholisierten Höllenritt durch die Abgründe ihrer Ehe ist diese Geste beinahe hoffnungsvoll. Ja so mag es sein, wenn man zwanzig Jahre verheiratet ist, eingebunden in die Zwänge des Alltäglichen. Aber vorher hat man einander bis aufs Blut gereizt und bis ins Mark verletzt, böse Spiele bis zum Tod gespielt, aber einander die Masken und Allüren vom Gesicht gerissen, wie es nur Eheleute können, die einander so gut, vielleicht zugut kennen und mit den dunklen Seiten der Existenz ringen, wenns Nacht wird und der Alkoholpegel uferlos steigt. (Das ist kein Statement gegen ein gepflegtes Besäufnis.)

Der Zuschauer, der diesmal das Theater Tiefrot betritt, hat wie fast immer ein vollkommen verändertes Raumerlebnis, was vor einer Woche bei der gelungenen Premiere NACHTSCHICHT von Daniel Anderson noch mit traditioneller Guckkastenbühne ebenfalls in die Tiefen der Seele vorstieß, aber vor allem mit den Realitäten spielte, diesmal hat Regisseur Volker Lippmann einen Raum in der Mitte des Theaters geschaffen, der in seinen abstürzenden schwarzen Wänden beinahe wie ein mit roter Lackfolie am Boden und eleganten orangen Stühlen ausgestattes Schwimmbassin anmutet. Eine Arenabühne, die Zuschauer oberhalb auf zwei Tribünen zur Seite des Eheschlachtenbassins. An der Wind ein farblich zu Stühlen und Theaterkissen passendes abstraktes Gemälde, die einzigen Requisiten, ein Plattenspieler und ein mit unzähligen Alkoholika bestückter Dinett-Teewagen, den Martha und George und ihre beiden Gäste, Nick und bei Lippmann Putzi,  eifrig nutzen. beide Requisiten verweisen auf die Entstehungszeit in den Sechzigern, aber eine Verbalschlacht dieser Art, berühmt geworden durch die in meinen Augen eher schwächer gespielte Verfilmung mit Richard Burton und Liz Taylor, könnte ja ein wenig verstaubt anmuten, aber sie wirkt im Tiefrot eigentlich ganz erschreckend nah und das liegt vor allem an Volker Lippmanns schnörkelloser aber kräftig zupackender Inszenierung und an seinen neben ihm brillierenden Darstellerinnen Julia Karl als Martha, Christina Schumacher als Putzi und Max von Mühlen als Nick.

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Foto: Klaudius Dziuk

Natürlich ist der Vollbutschauspieler und Vollblutkommödiant Volker Lippmann ein ganz starker George, ein Arschloch, das saufen kann lange noch, wenn er eigentlich nicht mehr stehen kann, und ein sadistisches Vergnügen an der Eheschlacht mit Martha, an den Demütigungsorgien gegenüber seinen Gästen hat,  Einer, der zum Kotzbrocken wird, wenn er am Ende des zweiten Aktes höhnisch in ein teuflisches Gelächter ausbricht, aber den Zuschauer zu Tränen rührt, wenn er alleingelassen von Martha und Nick, die sich irgendwo im Haus vergnügen, in Tränen ausbricht. Da sitzt einer der gerade am eigenen Leib rasierklingenscharf erfährt, dass die Anderen frei nach Sartre die Hölle sein können.
Aber es ist die Leistung des Regisseurs Volker Lippmann, der mit seiner tiefliegenden Bühnearena, den Kunstgriff schafft, dass wir immer auf die von oben herunterschauen können, die sich vor unseren Augen die Seele aus dem Leib spielen, und trotz der zunehmenden Alkoholisierung auch das Sprachkunststück dieser brillianten Dialoge von Anfang bis Ende des Sitzfleisch herausfordernden Abends trefflich zelebrieren, ein Abend, der aber an keiner Stelle langweilt oder nicht zupackend ist.

Hat man gerade noch über die langsame und zunehmende Alkoholisierung der brilliant darbietende Putzi von Christina Schumacher gelacht, ihre gar nicht so unbedarfte Naive, die giggelnd und kichernd und hysterisch schreiend und zwischendurch hinter der Bühne durchweg kotzende  von einer Peinlichkeit in die nächste fällt, kippt die Unterhaltung ganz böse, ganz leise oder laut, ganz schrill. Das ist schon ein Kabinettstückchen aus dem Hintergrund, diese Putzi von Christina Schumacher, wobei man Albee ja zubilligen muss, dass es in diesem Quartett keine Nebenrolle gibt und vor allem wenn Putzi alkoholisiert aufdreht wird sie hinreißend komisch so anrührend sie wirkt, wenn sie sich leicht schwankend um die Wahrnehmung säuft.

Aber kaum hat man sich ins Lachen geflüchtet, verurteilt die Figuren eben von oben herab, stopft einem Lippmann das Lachen in den Hals zurück mit einem bösen George, der zwar gern den Clown mimt, aber im Suff genauso böse agiert wie Martha, die die Spielregeln des Ehekrieges durchbricht, weswegen George sich bitterlich rächt und den gemeinsamen Sohn, eine reine Gesellschafts- und Smalltalkerfindung im Endgefecht schließlich und endlich umbringt. Die Gäste Nick und Putzi, die munter mitgekriegt und mitgesoffen,  im Morgengrauen endlich die Flucht ergriffen haben, sind bei weitem nicht so brav und nett wie sie sich geben, und man befürchtet oder ahnt, dass man eher einem zufälligen Partyabend von Martha und George beigewohnt hat, dass es deren schon viele in der über zwanzigjährigen Ehe gegeben hat und vielleicht noch geben wird oder sollte es ein Ende mit den Ehesaufexzessen haben, weil der erfundene Sohn, der vor fast genau einundzwanzig Jahren als Fake ,geboren‘ wurde, nun tot ist.

Diese Rhythmus und Tempiwechsel, dieses ganze, starke Spektrum darstellerischer Mittel zeigt, dass im Mittelpunkt des Theaters immer und immer nur die Schauspieler stehen und  es keinerlei theoretischer Überbauten bedarf, keiner Ausstattungsopern und auch keinerlei Programmheftes etc.  um einen hinreißenden Theaterabend erleben zu dürfen. Die drei Klavierausklänge der drei Akte und eine Lichtstimmung pro Akt und vier tolle Schauspieler reichen aus, um diese ganze Geschichte des Trinkens, Trinkens und noch einmal Trinkens zu erzählen. Die Brüche in den Figuren heben den Text neben seiner dramaturgischen Brillianz aber weit über irgendeine Szenen-einer-Ehe-Geschichte weit hinaus. Aber es ist auch Lippmann und sein trotz kürzester  Probenzeit sehr stark agierendes Ensemble die diese scheinbar überholte Geschichte so packend erzählen, dass sie fast direkt von heute wirkt. Der Verzicht auf eine Pause fordert die Zuschauer, aber der ununterbrochene  Spannungsbogen gibt Lippmann Recht.

Martha als Weiß-schwarz Clown und George im Clownskostüm, Nick und Putzi im Wiesn-Outfit treffen zu Beginn nach dem Kostümfest bei Marthas Vater mitten in der Nacht aufeinander und sie trinken und trinken und trinken, dieser leicht betrunkene Gläserfüllen-Flasche-gegen-Gläser-schlagen-Klang und die in die Gläser schwappende Flüssigkeit wird zum Symbol des Theaterabends und die Inszenierung zeigt sehr kunstvoll wie man mit drei Stühlen, einer Sitzbank und dem Mut auch mit dem Rücken zum Publikum zu agieren einen Theaterraum fast bis auf den letzten Quadratzentimeter ausfüllen kann, in den scheinbar beliebig variierten Konstellationen auch immer neue Bilder, die den Seelenzuständen entsprechen, Bilder zu Seelenabgründen und lustvolles Erzählen von Geschichten und Geschichtchen ohne irgendwelchen inszenatorischen Schnickschnack.

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Foto: Klaudius Dziuk

Max von Mühlen gelingt neben den starken Damen und dem Hausherrn das Kunststück im Widerpart mit Volker Lippmann nicht nur den Nick als letztendlich Überlegenen da noch nicht so lange ins Leben verstrickten, also Jüngeren, zu zeigen aber auch seine jugendliche Arroganz und Überheblichkeit, die einer Naiven bedarf um dastehen zu können. Da scheinen Martha und George weiter, verstrickter und verzweifelter, auch bzw. vor allem wenn sie sich beinahe gegenseitig mit ihren direkten und verdeckten Attacken gegenseitig umbringen. Das gegenseitig hingekotzte ,Du Machst mich krank‘ wirkt von oben nach unten nicht so messerscharf, aber sind wir da oben wirklich besser, anders als die da unten.

Kunstvoll nicht nur die steten Variationen der Bilder, Tempi und Stimmungen. äußerst kunstvoll das laute wie auch eindringlich Leise, das nie die räumlichen Gegebenheiten des Theaterraums sprengt. Es ist und bleibt ein Spiel, aber ein Spiel auf Leben und Tod und vielleicht sieht man die Wirklichkeit gar nicht, weil man überlegen von oben herab alles zu sehen und zu verstehen glaubt, man so Vieles sieht, zu sehen glaubt, nur das Wesentliche nicht sieht, was immer das nun ist, an diesem Abend, im Leben, in der Welt.

Auf der Flyerpostkarte und auf der Internetseite wird die Stückeinschätzung des ehemaligen Zeit-Theaterkritikers Rolf Michaelis zitiert, der diesen bitterbösen Parforceritt durch die Ehehölle so charakterisiert:

Albees Stück ist das böseste, garstigste, schrecklichste Theaterstück. Aber solche Kritik bleibt nur die halbe Wahrheit, wenn man nicht ergänzt: es ist auch das aufrichtigste, lauterste, wunderbarste. Das seien Aushängeschilder, die einander verdecken? Ja. So ist das Stück. Widerlich und faszinierend. Schockierend und läuternd.

Letzteres wage ich einmal zu bezweifeln aber nur wegen grundsätzlicher Zweifel an der Katharsis, zumindest, wenn man von oben aufs Geschehen herabschaut und nicht in die eigenen dunklen Abgründe hinabsteigt.

Ganz starker berechtigter Beifall für ein Kammerspiel, das man sich eigentlich nicht entgehen lassen sollte, gerade weil es so leicht daher kommt und so tief trifft.

weitere Vorstellungen am 23. und 31. Oktober
1../2./20./22./23./ und 24. November jeweils 20.30 Uhr und Sonntags um 19.30 Uhr
im Theater Tiefrot in der Dagobertstrasse
http://www.theater-tiefrot.de

(unkorrigierte Fassung)

PDF Version der KRITIK

Wer hat Angst vor Virginia Wolf Theater Tiefrot Regie Volker Lippmann 19.10

(erste unkorrigierte Fassung)

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