Überschrift Die Weibervolksversammlung Theater im Bauturm 18.10-page0001

Die Kommödie Ἐκκλησιάζουσαι des Aristophanes (verm. 392 v.C.) ist heute eine fast utopisch erscheinende, antik zeittypisch, derbe Kommödie über die Frauen Athens, die den Schludrian und die Unfähigkeit ihrer regierenden Männer satt sind und beschließen in Männerverkleidung die Volksversammlung zu entern und so zu bewirken, dass die Regierungsgewalt an die Frauen weitergereicht wird. Ihre Anführerin und Initiatorin Praxagora, die ihre liebe Not hat, die doch mit der Männerrolle leicht überforderten Mitstreiterinnen einzunorden und vor allem zu verhindern, dass man bei der Männerzunft und -zusammenkunft aus der Rolle fällt. Schließlich ist man mit diesen und auf der Weibervolksversammlung erfolgreich. Konsequenz: Die Macht wandert in Praxagoras Hände, der es nicht allzu schwer fällt, den eigenen Ehemann und Andere vom neuen Gesetz zu überzeugen. Alles gehört allen und das gilt auch für Frauen und Hetären, junge und Alte, Häßliche und Schöne, Kinder und Einkünfte. Alles hat die kluge Praxagora bedacht. Sie hat auch sinnbildlich die Hosen angezogen, die ihr viel zu groß scheinen und meint es wäre alles geregelt. Denn sie hat doch alles bedacht.

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Aber das Utopia Praxagoras funktioniert nicht, scheitert am wohl auch damals nicht anders sich darstellenden Eggoismus von Männern, den Aristophanes genüßlich zelebriert. Dem Gesetz folgt nur der brave Chremes, der bereit ist seine wenigen imgrunde wertlosen Besitztümer der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen, während andere abwarten oder versuchen das neue Gesetz zu umgehen. Tja, und dann kommt es zum ungelogenen Highlight des Abends. Stephanie Meisenzahl als junge Frau und die drei alten Weiber mit Vassilis Nalbantis als zweiter alter Frau – alle sind toll, aber da ist einer noch ein wenig toller als das altes Weib der beiden Frauen – streiten sich um den schönen Jüngling und der ist nun keineswegs gewillt, erst nach Gesetz die alten Weiber zu befriedigen, bevor er sich der Jungen, die ihn und die er begehrt, hingeben kann.

Kaum schwer vorzustellen, dass sich das männliche Publikum in der Antike angeheizt durch Festtagslaune oder Wein bei den damals keineswegs frivol oder sogar obszön wirkenden Dialogen – wir sind halt Opfer von zweitausend Jahren christlicher Kulturgeschichte – vor Lachen über die Darsteller nur so gebogen haben, denn Männer spielten damals Frauen, die Männer spielten.

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Ich denke, Kostas Papakostopoulos war klug beraten, den burlesken Kommödienansatz zu wählen und sich somit der Gefahr einer utopisch-matriarchalen Gesellschaftsdiskussion zu entziehen, die seiner Meinung nach mit diesem Stück heute nicht mehr zu leisten ist, wohl ganz anders als 1991 kurz nach der Wende, als die Strukturen in Deutschland noch nicht so festgefahren wie heute, als er die Weibervolksversammlung bereits schon einmal in Kooperation mit der Musikhochschule inszeniert hat. Damals waren die politischen Bezüge kurz nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sicher stärker als heute, wobei er auch in dieser Inszenierung weidlich die Möglichkeiten zu zeitkritischen Implikationen nutzt.

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Am Ende des Abends bejubelt das ausverkaufte Haus die acht sehr engagierten Darstellerinnen und Darsteller – Lisa Sophie Kusz, Annika Weitershagen, Stephanie Meisenzahl, Elisabeth Pleß, Stefan Kleinert, Vassili Nalbantis, Thomas Franke, Gerald Liebenow – die handwerklich sauber durchgearbeitet DIE WEIBERVOLSVERSAMMLUNG zum juchzenden Vergnügen des Publikums präsentiert haben. Es ist Meinung des Rezensenten, dass ein paar Tempiwechsel mehr mit einem generell angezogenen Tempo vielleicht das saubere Spielvergnügen noch erhöht hätten, dem wären aber dann vielleicht kommödiantische Leckerbissen wie die ganz ausgespielte Kackszene oder andere zum Opfer gefallen und das wäre es nicht wert gewesen. Bewußt drosselt Papakostopoulos an einigen Stellen das Tempo um der Gefahr des Überdrehens zu entgehen, wobei für Augenblicke das Gefüge zu knirschen scheint, aber mit einem so gut aufgelegten Publikum, das sich zwar hörbar amüsieren will, aber genauso aufmerksam folgt, wenn es angebracht ist, ist die gewählte Variante der  Rhythmen absolut nachvollziehbar. Der Rezensent sollte auch der Eigengefahr entgehen, seinen eigenen Ansatz zum Maßstab zu machen. Außerdem gewinnen so burleske Inszenierungen noch nach der Premiere, steigern sich oft noch weiter mit der Vielzahl der Aufführungen.

Weitere Aufführungen finden statt am:

19. und 20. Oktober 2013

04., 05., 06. und 07. Dezember 2013

22., 23., 24., 25. und 26. Januar 2014
im Theater im Bauturm

http://www.dgt-koeln.de

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Langversion der Rezension als pdf:

Die Weibervolksversammlung Theater im Bauturm 18.10

und um die Künstlereitelkeit des Rezensenten zu beriedigen: ein Video

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