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Eines vorab. Der Rezensent kommt selten so emotional aus dem Theater. Im Regelfall gelingt es ihm, dank Vorbereitung und Erfahrung eine Art gläserne Wand zwischen sich und das Publikum zu schieben oder zwischen sich und die Bühne, dank derer er soweit das Subjektive verobjektivieren, versprachlichen kann, dass er nicht das Gefühl hat, dass ihm seine Sprache versagen wird, wenn er sich bemühen wird, das Gesehene für Leser zugänglich zu machen.

Er gönnt sich einen Ausflug, einen Ausflug in einen genialen Bühnenraum in der Wachsfabrik, den Bühnenraum von Barbara Fuchs, die für die Regie dieses ungewöhnlichen, na sagen wir für normale Rezensenten ungewöhnlichen Theaterabend, verantwortlich zeichnet.

+ - PlusMinus

Eigentlich ist es weder ein Theaterabend, noch ein Tanzabend, viel eher eine Performance, die aber nachdrücklich Nachdenken herausfordert, obwohl sie sich gleichzeitig dieser rationalen Versprachlichung entzieht, mit einem gewaltigen theoretischen Überbau unterstützt und so spielerisch daherkommt, als wäre es das Einfachste von der Welt.

Noch einmal vorab. Ich sehe keine handwerklichen Mängel, sehe ganz starke Körperakteure, die aber ihre Herkunft als Tänzer nicht verleugnen, sondern in einer Art Gefühlslabor, Barbara Fuchs nennt es ein Spiel der Gemütsbewegungen, die sieben Gemütsbewegungen Scham, Demut, Langeweile, Eitelkeit, Schuld, Neid und Wollust sowohl körperlich als auch emotional ausloten, eine Art Perforceritt durchs Innenleben und Empathietest des Zuschauers.

Dabei werden körperliche und auch emotionale Grenzen ausgelotet, übersprungen, die Zusehenden trotz der klaren Trennung von Bühne und Zuschauer ins Bühnengeschehen hineingesogen, so dass der Gedankenstream der gesehenen Erfahrungen mit den eigenen Seelenbildern und  Seherfahrungen einmal dadurch konterkariert wird, dass es nie auch nur ansatzweise rudimentäre Geschichten gibt, andererseits scheitert man, wenn man sich auf rein rationale Weise anzunähern versucht. Dabei kommt es wohl tatsächlich vor allem Anderen darauf an, sich einzulassen, sich zu öffnen, dann entwickelt das Bühnengeschehen einen sehr spannenden Einblick ins Selbst, die Sog- ja fast Trancewirkung entfalten kann, wenn man anschließend im annähernden Diskurs bei nächtlicher Fahrt danach noch einmal auf die einzelnen Pieces und die damit verbundenen eigenen Emotionen rekurriert.

+ - PlusMinus

Das gekonnte und trotzdem Disparate der Collage aus sehr viel Seitenlicht (Barbara Fuchs, Horst Mühlberger) besticht genauso wie auch das magische Schwarz-weiß Negativ-Positivbühnenbild ( Barbara Fuchs, Gonzalo Barahona ), das als einziges Requisit und ,Möbel‘ eine helle Holzbank beherbergt. Eingewoben ein von Stefan Kraft packend gesprochener Textstream von Charlotte Fechner, vor dem meine Sprache fast versagt, fast surreal anklingend, aber wohl eher wie ein Vorschlaghammer ins Unterbewusstsein Die Zuschauer sind geordert, denn man kann sich nie entspannen im Zuseherstuhl, legt zwischendurch das Notizbuch fort, weil man folgen möchte, ohne letztendlich folgen zu können, wie man es gewohnt ist, so spannend sind die einzelnen Momente, die einander berühren, verstärken und auch wieder brechen.

Das gilt vor allem auch für die Musik (JÖRG RITZENHOFF), die zwischen Melodie, fast betanzter oder betanzbarer Tonfolge und Klang- oder Geräuschteppichen schwankt. Bestechend, dass sich nie irgendein Element zur Herrschaft über die anderen Bestandteile aufschwingt, sondern alle zusammen eine Wirkung erzielen, die den Zuschauer verändert, berührt, ja man mag zumindest in Anklängen von Bewusstseinserweiterung sprechen.

+ - PlusMinus

Ich erinnere mich, dass der große Zeit-Filmkritiker Blumenberg den Film Koyaanisquatsi einst die schärfste Droge nannte, die man für unter 10 Euro bekommen kann. Nein, dieser Film ist ganz anders als der Abend, nein er ist nicht mit einer Droge zu vergleichen, aber wer sich nicht auf eine empathische Reise in sein Unterbewusstsein begibt, der hat sich nicht eingelassen, wer folgen möchte, kann sich auf das Skelett der bezeichneten und erforschten Gefühle verlassen, aber es gibt sicher viele verschiedene Zugänge, die wirklich auf die phantastische Kraft jedes Einzelnen zielen.

Ge -fühl -los sollte man eigentlich nicht bleiben, wobei es Momente von beklemmender Intensität gibt, wie zum Beispiel den Schuldschrei des Mannes, Zuschauer in ihrer Einlassung sicher bis zu den Grenzen der eigenen Emotionalität gehen und insgesamt wirklich von Anfang bis Ende kein Moment der Langeweile denkbar ist, denn allein die rein körperlich gefundenen Bewegungs- und Körperbildlösungen für die einzelnen Abschnitte sind bestechend, aber dem Rezensenten versagt immer wieder die Sprache, die sein Instrument ist und als er laut denkend die Begleitung fragt, wie er, der sicher an diesen ganz wunderbaren Kunstort zurückkehren wird, über diesen Abend schreiben soll, sagt die junge sehr stark befasste und fast aufgewühlte Begleiterin, er, der Rezensent solle doch ruhig zugeben, dass es ein Abend der so starken indiviuell-emotionalen Empathie sei, dass man nicht alles versprachlichen könne, und dass das ja gerade das Besondere daran gewesen sei.

In meinem Kopf, in dessen Mattscheibe sich viele Bilder ohne Geschichten regelrecht eingebrannt haben, gellt mit dem Hall des Sprachstreambeginns, das ge der Trilogie als Imperativ sich fortzubewegen, wohin auch immer, das fühl als gleichsprachlicher Imperativ, sich weiter auf eine nicht narzistische, sondern wahrheitssuchende Eigengefühlbefassung zu begeben und das LOS als ebenfalls beinahe soghafte Aufforderung die eigene Sprache und die eigenen Kriterien zu überprüfen.

+ - PlusMinus

Was will ein Kunstabend mehr? Ich komme demnächst garantiert wieder um zu erfahren, dass auch dieser Kunstort und die im Netzwerk Barnes Crossing zusammengeschlossenen Tanzcompanien und Künstler in ihrer Existenz bedroht sind, das ärgert und schmerzt, zumal der Tanzkahlschlag, den die lokale Kulturpolitik mit der Hinrichtung des Tanzforums einst ,bewirkte‘, trotz Mittelbereitstellungen und Tanzhausdiskussionen, immer noch nicht bereinigt scheint….Den tollen Performern  Odile Foehl, Regina Rossi, Ursula Nöll und Pietro  Micci gilt berechtigterweise der starke Applaus des sach- und fachkundigen Publikums…….
Nicht nur ich sollte neugierig auf den dritten Teil, der im Frühjahr mit Moodswing begonnenen Trilogie werden.

PDF Version des Textes:

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Letze Gelegenheit für ein tiefgehendes ERLEBNIS +-
heute um 20. 00 Uhr und am 10. November um 18 Uhr in der Wachsfabrik in Köln Sürth, Industriestrasse 170, 50999 KÖLN

 

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