Kippenberger von Angela Richter mit Team im depot 2 Schauspiel Köln am 13.10-page0001 foto titel

Kippenberger!

Martin Kippenberger ist tot. Das ist er ohne Zweifel, aber seine Werke erzielen Höchstpreise auf dem internationalen Kunstmarkt. Das ist auch so, weil er tot ist, mit vierundvierzig Jahren verstorben ist und sich im Grunde auch zu Tode gesoffen hat. Eben typisch Künstler mag denken, wer ihn nicht kennt. Wer ihn in Köln kennengelernt oder erlebt hat, der weiß, dass Martin Kippenberger (1953) auch für die Zeit steht, in der Köln eine Zeit lang der Mittelpunkt zumindest der erst bundesdeutschen und später gesamtdeutschen Kunstwelt war und der Name Kippenberger, den man den jungen Wilden zurechnet, auch ein Symbol für diese Entwicklung in der deutschen Kunst war.

Kippenberger!

Die Regisseurin Angela Richter hat mit ihren herausragenden Schauspielern und ihrem prima Team in radikal subjektiver Art und Weise Martin Kippenberger, sein Leben und den Künstler, aufgegriffen, angegriffen und vielleicht sogar begriffen, obwohl alles ganz anders war oder zumindest ganz anders gewesen sein könnte.

Kippenberger!

Ich erinnere mich noch gut, wenn Kippenberger Hof hielt im Broadwaycafe, einst Kölns erstes Programmkino, heute längst verschwunden, untergegangen im Shopping-Flair, wo nur noch der Buchhändler Walter König an die alte ruhmreiche Zeit in einer einstigen Schmuddelstrasse erinnert, schon am Morgen trinkend, während wir, die Hoffnungen der Zukunft, noch in den Zwanzigern, leicht neidvoll an ihm vorbei zur Toilette schlichen und versuchten den Kater von Vorabend noch in den Griff zu bekommen, mit Existentialistenfrühstück und schwarzem Rollkragenpullover, Kaffee und Zigarette ,versuchten in die Gänge zu kommen, unsere Gewerke zu verrichten. Damals scheiterte schon meine Karriere, vielleicht sehr zum Glück meiner Eltern, weil es mir nicht gelang mich zu Tode zu saufen und zu rauchen. Aber eigentlich hätten wir schon gerne zu Kippenbergers ,Familie‘ gehört, denn das hätte tatsächlich bedeutet, dass man als Künstler punktgelandet war. Denn genau wie Kippenberger pilgerten wir in die einschlägigen Lokale und die Buchhandlung König. Imgrunde müssten ihm die Eigner der Lokale noch posthum ein Denkmal setzen, denn Kippenberger war ein Wirtschaftsfaktor auch jenseits des Kunstmarktes.

Kippenberger!

Geraucht wurde viel in der Zeit, pikant, dass gerade die EU die Vorschriften für die Tabakwerbung verschärft hat, wir träumten vom Marlboro-Mann und gingen meilenweit für unsere Camel ohne Filter. Und viel geraucht wird auch in Angela Richters Collage ,Kippenberger‘ in der sie einerseits auf viele Interviews von Weggenossen Kippenbergers und Zeitzeugen zurückgreift und andererseits auf fünf Darsteller, die mal Kippenberger darstellen, aber nie Kippenberger sind und meistens eher über Kippenberger erzählen. Das hat zum Teil auch den Charme der Zeit, denn einst spielte Udo Kier einen Künstler in einem Spielfilm, der nie in die Kinos kam, aber sehr viel mit ,Kippenberger‘ dem Cafe Zentral/Hotel Chelsea und dem legendären Hammersteins zu tun hatte…. Wir waren begeistert.

Kippenberger!

So begeistert wie das Kölner Publikum im depot 2 auf die Inszenierung und ihre Darsteller reagiert. Es wird viel gelacht. Und der Rezensent stellt sich vor, dass im Publikum in der zweiten Aufführung viele Künstler und viele Theaterleute sitzen, die wahrscheinlich für zwei Dinge dankbar sind. Autorin und Regisseurin Richter entgeht der Gefahr, sich ästhetisch an Martin Kippenberger anzulehnen und sie entgeht der Gefahr dokumentarisches Theater zu machen. Sie spürt nicht den Installationen nach und den großen Plänen, so bleibt vieles nach dieser Geisterbeschwörung zu entdecken unter anderem in einem der schönsten Programmbücher, die ich je in der Hand gehalten habe, entstanden in Kooperation mit dem Künstler Daniel Richter (natürlich Verlag Buchhandlung Walter König, ohne den im Kölner Kunstbuchgeschäft immer noch nix läuft, aber für ein solches wunderbares Buch sehr preiswert, zumindest an der Theaterkasse) und den Büchern über Kippenberger, die es gibt. Vielleicht entschliessen sich Angelika Richter und Walter König auch noch die zahlreichen Interviews für diese Produktion zu veröffentlichen, die im Vorfeld geführt worden sind, denn soweit der Rezensent das überblickt, gibt es noch keine komplette Biographie über Martin Kippenberger, sieht man einmal von dem biographischen Buch seiner jüngsten Schwester ab, der Journalistin Susanne Kippenberger.

Kippenberger!

So wirkt an diesem Theater scheinbar nicht wirklich neuartig, was man sieht, auch das Gehörte ist es nur zum Teil, aber so wie die fast zu schönen, sicher ironisch gemeinten photorealistisch bemalten Schiebewände kreisend wie aus einem Bilderlager in den Vordergrund geschoben oder umdrapiert werden, so kreisen die Monologe und ganz wenigen Dialoge der fünf grandiosen Darsteller um Kippenberger, mal wird sozusagen Empathie ,improvisiert‘ aufs Kommando von hinter den Kulissen, Empathie, die einem fast wie eine Stunde Lehrunterricht in Sachen Schauspielen vorkommt. Jeder ist mal ganz nah an Kippenberger und ganz fern. Der wird nicht bejubelt, aber er wird auch nicht verdammt. Nein alles, was man hört, ist manchmal schon fast zu ausgewogen für dieses verstorbene Enfant Terrible, dessen Berühmtheit heute fast tragisch zu nennen ist, denn zum Schluss hatte er es geschafft sich so unbeliebt zu machen in seiner wahrscheinlich radikalen Wahrheitssuche, dass bei der letzten Ausstellung in Wien (?) sogar die Zuschauer ausblieben.

Kippenberger!

Großartig dieses Bühnenbild von Robert Jankowski, ganz im Dienst des Ganzen die schwarz-weiß-grauen Kostüme von Wiebke Schlüter, die gleichzeitig das Outfit als Auftrittssymbol bei Kippenberger zitieren und im Gegensatz zur Lebendigkeit von Spiel und Bühnenraum vielleicht das Zeichnerische des Künstlers Kippenberger betonen, von dem ja heute nur noch die Gemälde bekannt sind, obwohl er ja eigentlich einer der Ersten war, der nach Beuys aus allem Kunst machte, aber auch wie dieser alle Konventionen über Bord warf, so radikal in Lebensweise und Suff und auch Sterben war, offensichtlich aber ein Getriebener, der möglicherweise zu spüren schien, dass er jung sterben würde.

Kippenberger!

weitere Vorstellungen am 17./21./22./27.10
und am 21./29.11 sowie am 1.12
jeweils um 20 Uhr im depot 2 Schauspiel Köln
http://www.schauspielkoeln.de

Langversion der Rezension: Kippenberger von Angelika Richter mit Team im depot 2 Schauspiel Köln am 13.10

und eitel wie der Künstler ist, noch was von ihm: http://www.youtube.com/watch?v=EcaYkAahtgY