Heute abend das Kippenberger-Stück und morgen die Inszenierung des Romans DER STREIK von Ayn Rand, das Schauspiel Köln macht Dampf oder nimmt weiter Fahrt auf.
Ich war am heutigen Abend in einem Eifeler Theater, dem Stadttheater in Trier, ein äußerst unterhaltsamer Theaterabend statt Fußball, noch einmal Michael Frayn, DER NACKTE WAHNSINN, mit dem das in seiner Existenz bedrohte Stadttheater, gerettet mit Landesgeld, RP sei Dank, ebenfalls am 28.09 die Spielzeiteröffnung voran trieb (wie auch Schauspiel Köln).
Gutes Theaterhandwerk, in einem Theater, das ich bislang nicht auf der Landkarte hatte, obwohl es auch nicht weiter von meinem Lebensort entfernt liegt als Aachen, Bonn, Köln und Düsseldorf, ein tolles Publikum, das von der ersten bis zur letzten Minute mitging, den Tiefsinn des scheinbar vordergründigen Stücks um Sardinen und Türen verstand, die Schauspieler sichtlich antrieb, die wirklich voller Spiellaune agierten, obwohl nach der Pause auch hier das Phänomen zu beobachten war, das Zuschauer fehlten. Ich vermute, dass ob Slapstick und Überdrehtheiten, die gekonnt dargeboten waren, es denen, die gegangen waren, um das Stück ging.Es ist ja kein Geheimnis, dass Komik die Königsdisziplin des Theaterhandwerks ist und manchmal das Publikum durhaus hinderlich sein kann, wie man zuletzt in Köln sah.

_MOP8635_1

Es ist wohl dieses bestimmte Bildungsbürgertum, das Frayn zu albern und manche Klassikerinszenierung nicht ‚werkgetreu‘ genug findet und für die es zum guten Ton und zum Spiel gehört, sich übers Theater zu ärgern oder die mangelnde Illusion zu beklagen, obwohl ja Brechts Wende in der Darstellung schon ein alter Hut ist und positive Ensembleleistungen gegenüber ‚Startheater‘ genau so ein alter Hut sind wie die Forderung nach der Bedienung des eigenen Geschmacks, schließlich subventioniere man ja die Sandkastenkiste der Theaterleute mit teuren Steuergeldern.

Ich finde Frayns Stück jedenfalls schon grundsätzlich äußerst unterhaltsam, obwohl ich mich nicht wundern würde, wenns in Trier den Kritikern auch zu albern war. Schließlich gehts ja eigentlich nur um Sardinen und Türen. In Trier gings aber nicht nur laut Programmheft jeden Moment ums Spielen.

Akt eins zeigte die immer wieder von einem sichtlich gelangweilten Regisseur in Potenz- und Liebesnöten unterbrochene Generalprobe des ersten Aktes des gezeigten Stücks einer Provinztheatertruppe, Akt II eine Vorstellung in der noch niederen Provinz nach einigen Wochen aus Backstageperspektive, während sich das Ensemble nebst Regisseur beinahe gegenseitig umbringt – Gruppenprozesse halt wie im wahren Theaterleben – und den Abschluss nach der späten Pause, die halt leider etwas den Drive nimmt, die letzte Vorstellung, in der fast nichts mehr heil ist und nichts mehr gelingt. Es wäre vielleicht den Mut wert mal zweieinviertel Stunde am Stück zu spielen. Aber da macht die sehr versierte und freundliche Gastronomie eventuell nicht mit.

Ich fands äußerst gelungen, nichts aufgesetzt, mit stark persönlicher Handschrift der Regisseurin, Caroline Stolz, einem starken Ensemble, aus dem ich negativ keinen herausheben möchte, einem äußerst gelungenen Bühnenbild, das die stark festgelegten Vorgaben Frayns im Detail phantastisch löst, besticht, indem man nicht ironisch überzeichnet wie in Köln, sondern konsequent auch Requisite und Kostüm in die 50er verlegt.

Sowohl Bühnenbild als auch Kostüme gehen komplett im III Akt aus dem Leim. Wie gesagt alles in wunderbaren kleinen Details, die es zu entdecken gilt, während auch der Bühnenablauf der Farce im III Akt ebenfalls aus der Form geht, auch das eigentlich noch ausgezeichnete Klipp-Klapp der Türen im ersten Akt.

Die Beziehungen der Darsteller der Provinztheatertruppe in der sogenannten Theaterprovinz Trier werden fein herausgearbeitet, gelacht wird sowieso, es verschmieren kaum Gags, was ja nicht oft geschieht. Zum Höhepunkt gehört sicher der zweite Akt, der ein solches Tempo aufzieht, das man fast nicht mehr folgen kann. Natürlich phantastisch der offene Umbau mittels Drehbühne und Regieassistentin-Darsteller und Inspizientendarsteller. Wunderbar der jeweilige Aktschluss, indem das Ensemble zur Vom-Winde-verweht-Musik munter vor sich hinschmiert und in Schülertheaterpose erstarrt.

Das vermag sicher die halbnackte Vicki bzw. deren ebenfalls attraktive Darstellerin in Großmutter Hollywoods BH und liebestötendem Miederhöschen am stärksten, wobei sie das Chargieren zwar nicht übertreibt, aber neben der slapstickorientierten Inszenierung an ein paar Stellen zu überdreht erscheint.

_MOP8877_1

Aber das ist Geschmacksunterschied, sie wirkt zu gut und man merkt halt, dass da eine gute Schauspielerin bewusst schlecht markiert, in Köln war das Kunststück gelungen, dass der Regisseur Sanchez ein komplett gutes Ensemble sehr ironisch, die Farce verweigernd, zum ‚Schlechtspielen‘ verführt hatte, aber mit der Erwartungshaltung des dort sicher auch verwöhnten Publikums zu kämpfen hatte, die ihm nicht folgen, sondern sich unterhalten wollten, was zur Zuschauerlichtung führte.

Theater muss wie Fussball sein, hat der große ZEIT-Kritiker Henrichs einst geschrieben: Heute abend in Trier war Theater fast besser als Fussball, machte neugierig auf anderes im ‚Eifeltheater‘ Trier. Man hat so sicher so keine Zukunftsangst in und ums Theater Trier. Was dort in der letzten Spielzeit geschehen ist, das hat das Publikum am heutigen Abend vielleicht so für ihr Theater motiviert: Jubel am Schluss, langanhaltender und zum Schluss sogar rhythmischer Beifall zu einer unterhaltsamen und sehr geschickten mittels peppiger Musik und von sehr erfreut freundlichen Theaterkollegen ‚geschickt erfundenen und unterstützten‘ Applausordnung und wirklich ganz viele sehr zufriedene Gesichter beim Hinausgehen.

_MOP9566_1

Am Tag da Human watch von einem weiteren Massaker diesmal der Opposition im syrischen Bürgerkrieg berichtet, die  OPCW den Friedensnobelpreis erhält und nicht die pakistanische Bildung-fordernde-Jugendliche, deutsche BIldungsmisere beklagt wird und der Dax und der DOW JONES zynisch zu den Haushaltsstreitigkeiten und der Stimmung in den USA auf Höchststände kletterte, mag man angesichts eines weiteren kenternden Bootes vor Lampedusa und weitere Toter denken: Wahrlich wir leben in finsteren Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume oder Theater, schon fast ein Verbrechen ist, aber wenn wir  schon angesichts von Zuständen und Krisen resignieren und das Leben als Krankheit zum Tode angesichts eines leeren Himmels und eines menschlichen Papstes beklagen, wer soll dann noch mit den good Vibrationsns eines solchen Theaterabends und dem lauten Gelächter für die Welt sorgen. Ein genauerer Vergleich der beiden Inszenierungen mit der in Hamburg am Thalia Theater, an der sicher der renomierteste Regisseur, Luc Perceval, gearbeitet hat, soll folgen.

weitere Vorstellungen im Oktober am 18./23./25.10
und weiter am 10./16./22./28.11
und am 28.12; 12.1.2014/22.1/31.1
jeweils um 20.00 Uhr

übrigens das mit den Sardinen hatte das Theater Trier spieltechnisch besser gelöst als Köln, wo sie am Teller festgeklebt waren, aber die durch den Bühnenraum fliegenden Sardinen in der Marxgeburtsstadt, die an Marxbüsten und Fingern baumelnden Sardinen waren wirklich unterhaltsamer und um bei Brecht zu bleiben:

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen

der Vorhang zu und alle Fragen offen ODER

wie bei Goethe

so schlagt ihn tot den Hund, er ist ein Rezensent…………………..

Fotos von Marco Piecuch

 

PS So rosig wie es dem Rezensenten erschien, ist die Situation in Trier keineswegs. Die Finanzierung ist nur kurzfristig gesichert. Der Intendantenvertrag von Gerhard Weber läuft 2015 aus. Im Moment könnte man denken, dass da irgendwer auf Zeit spielt und darauf hofft, dass die Wellen nicht so hochschlagen, wenn man das Theater Trier dann ‚einschränken‘ oder sogar schliessen würde. Eine Intendantenstelle müsste baldigst ausgeschrieben werden, denn ein vernünftig geführter Dreispartenbetrieb benötigt eigentlich eine ‚Vorlaufzeit‘ von über einem Jahr……Demnächst mehr zum Thema.

Advertisements