Sechs Menschen betreten die Bühnen. Nein, sie suchen keinen Autor. Sie scheinen auch keinen Regisseur zu brauchen, so harmonisch und elegant, so ununterbrochen agil und trotzdem leicht, lassen sie vergessen – dass das was wie aus einem Guss wirkt in langen Proben erst erarbeitet worden ist.

Die sechs Personen sind sechs Engel oder geflügelte Boten des Himmels, die sich einen neuen Theaterraum erobern, das depot 2 im Carlswerk, den neuen ,Heimatort‘ des Schauspiel Köln,  und zwar mit Brechts ,Der gute Mensch von Sezuan“. Der Bühnenraum, der sicher auch wegen der Tribüne ein wenig an die Halle Kalk erinnert, ist eine Baustelle, die sich gar nicht so gewaltig vom Draußen und dem Vor-dem-Theater-Carlsgarten unterscheidet, na ja eben ohne Blumen, eine karge eher leere Bühnenlandschaft.

Eine große Anzahl Requisiten und natürlich die heimlichen Stars dieses Abends, das Puppenensemble, vervollständigen das Bild. Dass es Puppen geben würde, das wußte man, aber dass es solch große, handwerklich überzeugende Puppenspielkunst geben würde, das konnte man nicht erahnen. Und so gebührt dem auch schauspielerisch grandiosen Ensemble Dank für die zweite gelungene Premiere der Ära Bachmann. Ein ganz anderes Stück als beim ironisch unterlaufenen Saisoauftakt und eine ganz andere Regiehandschrift mit Darstellern, denen man trotz der beachtlichen Länge des Abends eigentlich noch lange weiter zusehen könnte, so wunderbar agieren und chargieren sie, so toll sprechen sie und wenden die Kunst der Puppenspieler an, mit verstellter Stimme verschiedene Figuren und Typen zu verkörpern, wobei selbst mit überzeichneter Stimme bemerkenswerte Spieltiefe erreicht wird.

Gerade die Frau Shin , die als erste das doppelte Wesen von Shen Te und Shui Ta durchschaut, macht klar, wie leicht und verspielt einfach dieser Abend daherkommt: denn eine einfache schwarze Langhaarperrücke und schon sehen wir die eher pragmatische, wenn sicher auch nicht durchwegige „Gutfrau“, die am nächsten an Shen Te und Shui Ta dran zu sein scheint, vor aller Augen. Alles ist Darstellungskunst in all ihren Facetten, Beiwerk nur, was unbedingt notwendig ist.

Wunderbar auch die anderen Stab- und Handpuppen, die eher der Muppetshow oder der Sesamstrasse entsprungen zu sein scheinen (wenn auch mit raffinierten Übertreibungen),  aber im Zwiegespräch mit ihren Bewegern zur parodistischer Hochform auflaufen, ja gerade auch als arme „Mischpoche“, die Shen Te ihr kleines Geschäftsglück nicht gönnen und im Gegenzug von Shui Ta als Ausdruck der kapitalistischen Verhältnisse in missliebige Arbeitsverhältnisse gezwungen, ausgebeutet und in miesen Quartieren sozusagen bestohlen, aber vor allem ausgebeutet werden.

Vielleicht ist alles ja nur ein Traum dieser Traumtänzer und des träumenden Herrn Wang, eine optische Kopfgeburt wie Brechts Diskurs auch. Wie dramaturgisch geschickt die Gerichtsverhandlung der letzten Szene zu streichen und den ratlosen Diskurs der Götter an den Schluss zu stellen. Zurück bleibt die schwangere Shen Te, allein und alleingelassen von allen, die unter Schmerzen ihr Kind gebiert. Diese Schlußzene hat etwas von der Urgewalt der Geburt des ersten Kindes, dessen ersten Quäklaut, das betroffene Publikum mit erleichtertem Gelächter guitiert, sofort wieder gebrochen, weil die Mülltonnengöre der zweiten Szene in Shen Tes Tabakladen überzogen den vielleicht zu ,ernsten‘ Inhalt des Epilogs ans Publikum quäkt und deren Puppenspielerin aus diesem Theaterraum flüchtet, so als wäre auch sie von ihren Kollegen, den Himmelsboten, im Stich gelassen worden.

Ein blendender Bilderbogen, der keine Frage löst, sondern stetig Fragen aufwirft, der Bilder in den Kopf malt, die bleiben, und sich in der Erinnerung so eindringlich entfalten wie sie sich leicht vor dem Auge der Zuschauer aufgerollt haben. Hinter mir sitzen theatererfahrene Kinder, die leise flüsternd wie die Boten des Himmels Fragen stellen, wenn ein Bild, eine Situation nicht direkt klar werden, die den drei Stunden manchmal fast atemlos folgen und in einer Situation alles auf den Punkt bringen. Herr Shu Fu, den seine sonnenbebrillten Gorillas wie einen strippenziehenden Mafiosi, einen Parteibonzen im Anzug, aus dem Hintergrund in seinem Müllcontainer nach vorne spielen, ihn in die Handlung eingreifen lassen., fragt ins Publikum: Wie bin ich? Er meint natürlich seine auf Beifall zielende gute Tat der Geldspende. „Gut!“ sagt eines der Kinder hinter mir und faßt damit ganz unabsichtlich den ganzen vorzüglichen Theaterabend in einem Wort zusammen.

Ach übrigens: So schlagt ihn tot den Hund, er ist ein Rezensent….

weitere Vorstellungen: 8./9./19./20./26./29.10 und 4./9./10./14./27.11 jeweils um 20 Uhr

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