Weder dem Vergangenen anheimfallen noch dem Zukünftigen. Es kommt darauf an, ganz gegenwärtig zu sein. (Karl Jaspers)

Andrasz Andrago hatte gut gespeist und getrunken. Träge lag er auf seinem Lager und wartete auf eine Nachricht von Aphrodite. Er war nicht allein. Das wusste er, aber es war ein seltsamer Tag gewesen. Den ganzen Tag über hatte das Wetter ihn schwül und warm begleitet, aber nicht so behaust wie seine Höhle, in der er jetzt alleine dumpfte. Das Gewitter hatte in der Luft gelegen und er hatte sich so nach ihr gesehnt, dass die dunklen Wolken wie eine an den Himmel geschriebene Botschaft gewirkt hatten. Die dicken Tropfen und der Platzregen hatten keine Erleichterung der unerträglichen Spannung bewirkt. Er hatte sich vom Wolkenbruch nassregnen lassen und trotzdem hatte ihn nur die Flötenspielverschmelzung beschäftigt, die jetzt in so weiter Ferne lag, dass es schon fast in einem anderen Leben zu sein schien.

Er wusste, dass die Tage des neuen Sterns am Nachthimmel erst einmal vorbei waren, aber er wollte es noch nicht glauben. Nass und träge hing die Luft feuchtigkeitsgetränkt vor der Höhle. Nebelschwaden zogen durchs Tal und über den See. Obwohl der Sommer kaum begonnen hatte, lag schon wieder der Verwesungsgeruch des Herbstes im Äther. Natürlich war sich Andrasz Drago, der kleine und der große Drache, darüber klar, dass es nicht anders sein konnte. Schließlich war Aphrodite nicht sein Eigentum. Sie war eine Göttin und ein Geschenk des Himmels und das Wunder, das er erleben dürfte, galt dem Kosmos und der Welt. Sie nur für sich haben zu wollen, war ein kleinlicher Wunsch, der dem Mythos des Kosmos ganz gänzlich und zur Gänze gar unangemessen war.

Er wusste, dass der Verzicht ein Teil des Wunders war, und trotzdem wälzte er sich unruhig auf seinem Lager, obwohl er wusste, dass die Einsamkeit auch Verheissung eines kommenden Höhepunkts sein konnte. Am Abend hatte er noch ein letztes Mal versucht, zu üben, wie er früher allein geübt hatte, aber er hatte es nicht einmal bis in die Nähe des Höhepunktes geschafft. Die Müdigkeit hatte ihn übermannt, bevor er nur eine Ahnung des Feuers an den nächtlichen Himmel spucken konnte und er hatte die Trennung von Aphrodite fast wie einen Schatten des Todes empfunden. Im Schlaf war seine Brille zerbrochen, die er benötigte, um die Noten lesen zu können, wenn er sie nicht in sich klingen spürte.

Natürlich konnte er nichts erwarten, denn Aphrodite war gewitter- und sommerkrank. Natürlich konnte er keine Ruhe auf dem einsamen Lager finden, denn ein Spiegelbild war nicht die Wirklichkeit und ein Traum konnte kein Flötenkonzert ersetzen. Heute waren nicht einmal die wilden Tiere zum Spiel vor der Höhle erschienen. Andrasz Andragor war einsam und traurig. Die Botschaft Aphrodites hatte ihn nicht einmal im Traum erreicht. Andragor hatte erneut der Schlaf übermannt.

Eine Rätselbotschaft war im Traum am Himmel erschienen und er hatte im Traum pech- und schwefelspuckend darauf geantwortet. Zu spät war ihm eingefallen – im Traum – dass es eine Rätselbotschaft von Aphrodite gewesen sein könnte. Aber es war zu spät. Ein anderes Rätsel im Traum hatte ihn vollkommen verwirrt: Ein Mann hatte auf einem gläsernen Schachspiel in einen dunklen, runden, surrenden Spiegel gesprochen, begleißt von strahlendem Licht, das heller als die Sonne gewesen war, aber in tiefschwarzer Nacht geschienen hatte.

Eine junge Frau hatte neben ihm gesessen, geweint und mit blutenden Knien geschrien, dass sie nie wieder tanzen würde können und nie wieder gehen. Der Mann hatte von einer riesigen ausgestorbenen Tierart erzählt, die in fernen Zeiten, in der Nähe einer seltsamen Spiegelstadt gelebt hatte, und im Aussterben den Mythos von Andragors Geschlecht geboren hatte, den Mythos der mystischen Drachen, die in der Musik mit dem Kosmos verschmolzen werden würden. Andrasz Andragor hatte er gedonnert, du wirst vereinigt worden sein.

Die Spiegelstadt hatte ganz in der Nähe der Höhle des kleinen Drachen gelegen und alles in ihr war aus Spiegeln gebildet, die Häuser, die Wände, die Fußböden, die Tische, die Gläser und seltsame Kästen, aus denen Töne klangen, wenn man sie berührte oder die Hand mit einer Spiegelscherbe nach ihnen ausstreckte. Die Wesen, die in jener Stadt lebten, sahen ununterbrochen sich selbst. Sie sahen ihre Hände in den Wänden, ihre Beine in den Böden und ihre Füsse spiegelten sich in den Tischplatten. Sie sahen sich in den Bettdecken und an den Zimmerdecken, auf den Böden und in den Häuserwänden.

Eines Tages kam ein kleiner Spiegel in die Stadt zu Besuch. Er wollte seine spiegelnde Familie besuchen. Er wollte Zeit mit ihnen verbringen und mit ihnen reden, mit ihnen lachen und vergangene, gegenwärtige und zukünftige Zeiten erinnern, denken und beschwören. Aber er konnte keinen Zugang zu den Spiegeln finden, denn seine Spiegelfamilie war nie allein. Sie war unentwegt mit anderen Wesen beschäftigt, die bei ihnen lebten. Niemand hatte Zeit für ihn, ja sie nahmen ihn nicht einmal wahr, denn Spiegel spiegeln sich nicht in Spiegeln. So verließ der kleine Spiegel schließlich verzweifelt und einsam die Stadt der Spiegel und lief so lange bis er in einen großen Wald kam, in dem ihm beim nächtlichen Geschrei der Tiere bewusst wurde, dass er vollkommen verlassen und allein war. Er weinte bitterlich und seine Tränen gerannen zu Diamanten, die im weichen Waldboden versanken.

Als Andrasz Andragor wach wurde, blutete er. Er war im Schlaf aus dem Bett gefallen, in das gläserne Schachspiel hinein, das jetzt in Scherben zerbrochen war. Die Königin hatte sich während seines Traums wie von Zauberhand verbogen und eine Scherbe hatte sich in Andragors Hand gebohrt. Die Flöte, die auf der gläsernen Schachplatte gelegen hatte, war in tausend Stücke zersprungen. Jetzt schrie und weinte Andragor, denn er glaubte nie wieder eine Flöte in die Hand nehmen und auf ihr spielen zu können. „Wo bist du?, schrie er in die feuchte, neblige Nacht „Wo bist du Aphrodite?“ Und die Sterne erzitterten vor dem gewaltigen und verzweifelten Gebrüll des großen Drachen Andrasz Andragor.

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