Margrit Schiller, was für eine Frau. Ihre Bücher über das Exil in Kuba und Urugay und auch ihr Buch über die RAF Zeit vor dem Hintergrund einer typisch-deutschen Kleinbürgerfamilie entwaffnen eventuelle ideologisch-politische Differenzen durch ihre Ehrlichkeit, dadurch, dass sie radikal subkejtiv, ohne überemotional zu sein, erzählt und wahrscheinlich therapeutisch auf die Bücher als Abarbeitung ihrer Traumata aus dem Kampf gegen ein als faschistoid empfundenes System des kapitalistishen Imperialismus angewiesen ist.

Es ist eben eines jener politischen Ammenmärchen der politischen Klasse, dass der Staat nicht foltere in einem kapitalistisch-demokratischen Systems, dass der Staat nicht rücksichtslos Krieg gegen seine Feinde führt, dass es in einer Demokratie keine politischen Gefangenen gebe, dass politische Gefangene nicht ermordet werden… im Grunde führt er schon mit der Angst vor der Zukunft oder den Fremden rücksichtslos Krieg gegen seine Bürger. dass es der immer noch so hochgelobte Kanzler Schmidt, der in diesem Land die Demokratie stärker ausgehebelt hat als jeder CDU-Kanzler vor ihm als notwendiges Übel bezeichnet, ist die größte aller Lügen und die Verwicklung der SPD in die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts befremdet besonders. Jetzt nach dem Ende der meisten sozialistischen Staaten, sieht man von Kuba und China mit seinem funktionierenden (staats)kapitalistischen Wirtschaftssystem einmal ab, wird die Dreistigkeit so gross, dass man wirklich glaubt jede Konstellation als Wert verkaufen zu können, mit Geld einfach Recht durchsetzen zu können. Die Staatsanwälte sind die Erfüllungsschergen des Systems. Die Richter beugen das Recht im Sinne des Systems. Wer je vor Gericht gestanden hat in einem Strafprozess, erlebt hat dass Justiz in Kumpanei mit Medien, die keinen anderen Zweck haben als Geld zu machen, letztendlich auf Kosten der Menschen ausserhalb des Schutzwalls Europa ein korruptes weltweite Unterdrückungssystem aufrecht erhält, der kann die Wut verstehen,  die Menschen zur Waffe greifen läßt. Der Zynismus des westdeutschen Strafverfolgungssystem war um keinen deut besser als die Menschenverachtung innerhalb des DDR-Systems.

Margrit Schiller hat recht, wenn sie ihre absolute Wahrheit auch mit allen Zweifeln und Ängsten dagegen setzt. „Terrorismus“ mit menschlichem Antlitz gegenüber den Geknechtete und Unterdrückten, das schafft auch in der Öffentlichkeit Sympathien. das heißt es geht nicht nur um Politik bzw. Politik ist ohne Öffentlichkeit nicht denkbar.

Sie, Margrit Schiller schafftt mit ihrer entwaffnenden Ehrlichkeit vielmehr als ein Dokument der Zeitgeschichte. Man kann sich hineinversetzen in ihre Nöte und ihre Ängste, aber auch in ihre innere Souveränität, mit der sie es sich im Nachhinein nicht so einfach gemacht hat, sich als Mitglied der ersten Stunde zu einer Martyrerin und Heldin hochzustilisieren abgesehen davon, dass sie auch von der RAF Dinge auszuhalten hat, die ich nicht unbedingt als menschlich bezeichnen möchte. Dass sie zwar den bewaffneten Kampf als Irrtum einsehen muss und vor allem die Tatsache, dass er wahrscheinlich nicht zu gewinnen ist, abgesehen davon kann man sich nur verbeugen vor dieser Konsequenz und dieser Duldungshärte, die man bei allem Scheitern nur bewundern kann, vor allem weil es dem Staat nie gelingt sie zu brechen und zu korrumpieren. Und das mit der Folter und dem versuch der Totalvernichtung bis hin zum Mord. Da klingt ja eine Vernichtung mit Hinrichtung – Erschiessung der Attentäter vom zweiten Juni vor Ort, selbst die grauenvolle Hinrichtung mittels Drahtschlinge für die Schauprozessverurteilten noch weniger inhuman.

Aber sie macht aber auch klar, wieviele Schwätzer, wieviele Verräter und Denunzianten es tatsächlich es gerade in der Linken gibt, die überhaupt nicht wissen oder ahnen, was Revolution bedeutet. Es ist wichtig, dass neue Intelektuelle vor allem aus Frankreich den Traum nicht sterben lassen, den Traum auf Veränderung, den Traum von der Revolution, den Traum von der besseren Welt. Und selbst wenn wir alle Träumer bleiben würden, Margrit Schiller schafft die Diskussionsmöglichkeit, dass es weitergeht und der Staat nicht die Deutungshoheit behält.

Es wir wahrscheinlich nie mit Hilfe einer kommunistischen Partei gelingen, die Auswüchse zu beheben und die Experimente am offenen Herzen mögen noch so misslungen sein, die USA werden immer wieder versuchen nur ihre Kapital- und wirtschaftsinteressen durhzusetzen, das alles ist wohl der exitierende Krieg gegen die Menschen, der vielleicht doch irgendwann zu einer Änderung führen wird, wenn nähmlich die Entrechteten ausserhalb des Schutzwalls Europas aufstehen und sich nicht wieder setzen genauso wie die Unterdrückten und Ausgebeuteten innerhalb Europas. Ghandis Konzept ist mächtiger als man denkt und es ist oft noch imer so, dass die Dummköpfe sich überschätzen, wenn sie an die Macht gelangen, vielleicht ist eine hohe Intelligenz sogar hinderlich im System. Eine menschliche Integrität wie sie Margrit Schiller auszeichnet ganz sicherlich. Aber selbst wenn man ihr Irrtum vorwirft, irren wir nicht alle, aber wir können fast alle nicht so aufrecht vor dem Spiegel stehen wie sie, denn wir unterstützen jeden Tag das System und wir haben noch fast  alle keine Unterschrift unter eine Petition geleistet.

Rufen sie sich bitte ins Gedächtnis, dass Margrit Schiller keinen Menschen ermordet hat, dass sie nie auf einen Menschen geschossen hat, nichts mit Terroristen zu tun hat, die unschuldige Menschen ermordet haben, wer von uns könnte schon sagen, er wäre unschuldig, dass sie allein für die Nähe zu Revoltierenden bestraft worden ist, die keinen einzigen Menschen kaltblütig erschossen haben, während der Staat sie erst zu Tode gehetzt hat, dann fast zu Tode isoliert und schliesslich fast zu Tode ernährt hat, zwangsernährt hat, gestorben sind menschen, die der Staat zu schweinen degradieren wollte. das ist im Grundsatz menchenverachtend und für mich faschistisch, zeigt, dass der sumpf fruchtbar ist, egal was gesagt wird.

Während der Staat in einem weltweit einzigartigen Schauprozess sich selbst zeitweise ad absurdum geführt hat, indem er seine komplette Verfassung ausgehebelt hat und die grandiose Leistung vollbracht hat, einen Prozess in Abwesenheit der Angeklagten zu führen, während man mit Gesetzen aus der Zeit vor dem Faschismus die komplette Rechtsstaatlichkeit ausser Kraft gesetzt hat, sind viele Menschen beinahe gebrochen worden, Tausende, wenn nicht Hundertausende tief verletzt oder traumatisiert worden, aber es gibt seitdem ein Klima des Misstrauens gegenüber den Herrschenden. Stellvertretend für ein ganzes System sei hier der name Horst Herold genannt. Aber dieses Misstrauen muss wach gehalten werden, es muss klar gemacht werden, dass die SPD für dieses Desaster mitverantwortlich ist, dass Sozialdemokraten schon mehrfach Steigbügelhalter gewesen sind. Dies ist keinerlei Wahlempfehlung, sondern eher der Aufruf das Misstrauen zu schüren, dafür zu sorgen, dass es sich das komplette Mediensystem nicht selbst furchtbar einfach macht, indem es das Thema alle Jubeljahre hochkocht.

Gerade den Jugendlichen muss man die Realität von deutschem Herbst 1977, Isolationsfolter, Rasterfahndung und Zwangsernährung vor Augen führen.

Man möchte den Toten zurufen, der Kampf geht weiter. Selbst wenn es nur ein Traum wäre.

Sie ist in jeder Situation ein Mensch bringt aber in einer ungewohnten Rückerinnerungsdirektheit auch die Gewissens- und Seelennöte angesichts von soviel Unrecht in der Welt, im Staat und in der Justiz/im Strafvollzug zum Vorschein. Sie trägt zur Aufklärung bei, indem sie die sellbstgerechte ‚Sieger’Geschichtsschreibung um einen Beitrag bereichert, der nicht wegzudenken ist. Ein Beitrag mit ihrem Risiko, ihrem Leben und ihrer Analyse.
Kein Wunder, dass ihr der Historiker Osvaldo Bayer für ihr Leben dankt. In seiner Gesamtheit in Deutschland im Exil und zurück aus dem Exil und jetzt sozusagen im Exil in der Heimat nach den Jahren in Süd- und Mittelamerika, ist Margit Schiller mit ihrem Leben und ihren bewegend ehrlichen Büchern vielleicht eine der wenigen authentisch gebliebenen Menschen nach 1968, die mit ihrer Authentizität es nachwievor unmöglich macht, dass scih das ganze System das Thema auch zur Gänze einverleibt und es durchkaut, durchverdaut und als Konsens auskotzt und auswürgt. Sowohl Ulrike Meinhoff als auch Margrit Schiller sind für mich Gallionsfiguren eines Kampfe, den man ja nicht gutheißen mag, aber vielleicht wird es noch einmal eine Zeit geben, in der die Verletzungen der siebziger Jahre und achtziger Jahre durch den Staat, eine Regierung Schmidt, nicht als notwendige Kollateralschaden an der Gesellschaft angesehen werden.

Viele Fragen der RAF haben wir diskutiert als sie zum zweiten Mal im Gefängnis saß, als Schüler, Studenten, Aufrüstungsgegner, Atomkraftgegner. Heute nach Fukushima sind ja alle Atomkraftgegner. abgesehen davon, dass wir auch wieder in einer Zeit kurzer Haare leben, in den Ländern ausserhalb der europäisch-kapitalistischen Selbstschutzzone sich Guerillabewegungen bilden – leider wesentlich fanatischer als die RAF je war – und damit auch blutiger.

Wer masst sich schon ein endgültiges Urteil an, aber dass dieses wichtige Kapitel Zeitgeschichte nur als Siegergeschichte geschrieben wird, dagegen hat Margrit Schiller zwei sehr wichtige Bausteine gesetzt. Weitere sollten folgen.

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