Künstlerträume
12.01.2012 23:12:50
Als ich ein kleiner Junge war, da träumte ich davon, ein großer Künstler zu werden. Ich quartierte mich handlungsschnell wie ich zuweilen bin, bei meinen Grosseltern ein und begann mit dem Werk. Erst schrieb ich ein wenig, dann malte oder zeichnete ich. Da ich nicht von Ausdauer gesegnet war als Kind, war es für mich schon eine herausragende Leistung, einen ganzen Tag lang Bilder zu malen und zu zeichnen. Abends als es ans Schlafen ging und meine Oma mir das Bett machen sollte/wollte, kam mir plötzlich Spitzwegs Bild vom armen Poeten in den Sinn und da ich nun überzeugt war, dass ein Künstler arm sein wollte und musste – warum verstand ich nicht, wollte ich auch arm schlafen.Aber ich hatte ja bravkatholisch wie ich war gelernt, dass die Armen schneller ins Himmelreich kämen als die Reichen, Dass das ganze eine Ideologiefalle war, das hatte ich natürlich nicht begriffen. Mir sind auch im reichen Land in dem ich lebe nicht so viele überzeugte arme Katholiken begegnet, es sei den es handele sich um Caritaskalkulierer, Menschen die so notorisch sparsam oder geizig waren, dass sie halb auf der Strasse lebten oder heute zur Tafel oder zum Sozialamt gingen

Ich bin zwar auch heute ein armer Künstler, aber arm ist ja ein relativer Begriff, denn für kubanische oder sicher auch chinesische Maßstäbe bin ich recht reich.

Jedenfalls wollte mir meine Oma ein weiches, warmes Bett machen, das ich eigentlich auch noch nie abgelehnt hatte. Aber an diesem Abend hatte ich beschlossen das kindliche künstlerische  Leiden zu ertragen und sagte, dass ich nur ein Kissen bräuchte. Ich war das, was man so schön vollkommen überdreht nennt und glaubte mit einem dünnen Kissen, einer dünnen Wolldecke in einer eher frühjahrskalten Altbauwohnung in einer Stadt der sechziger Jahre übernachten zu können. Es wurde einer der härtesten Nächte meiner Kindheit. Denn zunächst konnte ich, der ich selten nachts wach lag – wenn man mal von den düsterdunklen Pubertätsnächten absieht – überhaupt nicht einschlafen, weil es sich mit den Klamotten nicht schlafen ließ. Also zog ich mir meinen Schlafanzug an mit dem Ergebnis dass ich nun heftig fror. Auch die zur Hilfe geholte Wolldecke, mit der ich das dünne Abdecklaken verstärkte, half nicht.

Ausserdem kratzte das nicht mit einem Laken abgedeckte Schlafsofa ganz fürchterlich. Ich war langsam an dem Punkt, dass man sich nichts sehnlicher wünschte als den Schlaf, aber zum Verrecken nicht einschlafen konnte (auch ein Lieblingsfluch meiner Tante, wobei sie wohl damit die strenge Erziehung zu kompensieren suchte, die Kindern bei MundauswaschenmitSeife-Strafe verbot, zu fluchen. Dabei ist es doch längst erwiesen, dass Flüche sehr heilsam für Seelen sein können.) Also stand ich auf und malte weiter. In meiner Phantasie häufte ich wahnsinnige Reichtümer an, indem ich mir vorstellte, was die Bilder kosten und wie viele Bilder ich denn am nächsten Tage an Opa und Oma, die Tante und den Onkel und noch an ganz viele andere Leute verkaufen würde.

Zum Einüben des Reichtums – nein ich wollte kein armer Künstler sein, ich wollte ein ganz reicher Künstler werden – hatte ich mir den Altbierkrug meines Onkels mit den Pfennigen vom Schrank heruntergehoben, der in meinen Augen so etwa Reichtum bedeutete, denn ein Groschen für Eis oder ein Groschen für Schaukelpferd, das war einmal für mich der Kinderhimmel auf Erden. Und mit diesem Reichtum spielte ich jetzt in der Nacht. Künstler arbeiteten auch oft in der Nacht hatte ich irgendwo gehört, was nicht so verwunderlich war, denn mein Vater hielt sich selbst für einen großen Künstler, der nur den Ruhm hatte nicht erringen können, weil ihm erst sein Vater das Deutsch- und Kunststudium verwehrt hatte, was wohl wirklich stimmte, auch wenn er sonst zur Schönfärberei neigte, und er dann als Brotarbeiter für seine Familie nicht den ausreihenden Raum für seine künstlerischen Entfaltung fand. Das mag kommentieren, wer will, ich nicht.

Aber so war es mir fast vorbestimmt Künstler zu werden, wobei ich bis heute denke, dass mein Vater darauf lauert, dass ich nach meinem vielmaligen Scheitern – dass Scheitern fast zwangsläufig zu diesem Weg gehört, das ahnte ich damals noch nicht – endgültig den Weg aufgeben würde. Aber das wird er nicht erleben, auch wenn ich niemals Erfolg haben würde. Ich bin ja noch dabei, die Wunden der Kindheit – und deren gibt es viele – aufzuarbeiten und meinen heimlichen Kinderkünstlerwunsch, Reisen und davon leben, nach dem Tod meiner Frau zu verwirklichen.

Letztens hat mich meine Nichte gefragt, ob ich denn glaube, dass meine Kunstwerke jetzt und nach meinem Tod noch bekannt würden. Ich habe es verneint. Ich glaube auch nicht wirklich daran. Stattdessen ist mir sogar ein wenig der Glaube verloren gegangen, weiterhin die Kräfte aufzubringen um als Lebenskünstler auch überleben zu können.

Irgendwann zwischendurch – ich bin wieder zurück in der Nacht als der Künstlertraum zum ersten mal scheiterte – kam meine Oma mal zu mir, machte aber keinen Druck – sie verstand nicht den heiligen Ernst dahinter, obwohl sie verdammt oft besser als meine Eltern verstand, was mit uns los war. Und die Zeiten bei den Großeltern und die wenigen Tage, die die Großeltern bei uns zu Gast waren, gehören zu den schönsten Erinnerungen meiner Kindheit, sieht man mal von den wenigen Zusammenstößen ab, die ich mit meinem Großvater hatte, der eben wie bereits gesagt ein sehr autoritärer Patriarch war.

Nur das Aufkaufen der Bilder jetzt in der Nacht mit den Pfennigen des Onkels lehnte sie ab und ging wieder schlafen. Einen Augenblick dachte ich, sie hätte gegrinst, als sie das Zimmer verließ – ich hatte mir überlegt, dass eine Handelsspanne von fünfzig Prozent angemessen wäre – und schwelte bereits in Salinos, Kaugummis, Lakritzschnecken, Eis und anderen Kinderträumen, vielleicht sogar ein Comicheft, alles Dinge, die zuhause ziemlich undenkbar gewesen wären.

Aber jetzt fühlte ich die unendlich lange Einsamkeit der Nacht doppelt, weil wenn alle schliefen und ein sich langweilendes Kind nicht einfach bei den Nachbarn schellen konnte, um sich ein Stück weisse Schokolade mit Knirschpel zu erbitten oder das Aquarium zu untersuchen oder mit dem Hund Gassi zu gehen, was konnte man da noch tun. Schreiben ging auch nicht mehr, malen um so weniger und auf der kratzenden Schlafcouch konnte ich nicht einschlafen. Mir waren zwar die gestrickten langen Strümpfe meiner Eltern erspart geblieben, aber allein die Erzählungen davon hatten folternahe Gefühle ausgelöst.

Was sollte ich tun, denn es kamen langsam die Stunden, vor denen sich Kinder am meisten fürchteten. Verheiratete mögen sich jetzt nach den Alleinseinstunden sehnen, vor allem wenn die Ehe nicht gut läuft, auch nachts, aber mir grauste es. Noch nie war ich so lange am Stück aufgeblieben und mir schwante, dass die Erwachsenen die Kinder nicht einfach quälten, wenn sie ihnen zum Schlaf zurieten oder ihn einfach befahlen wie meine Eltern. Es muss nach Mitternacht gewesen sein. Also beschloss ich mich wieder hin zu legen. Fürs Schlafen war ich im Grunde viel zu überdreht. Die Masturbation als Entspannungstechnik hatte ich noch nicht entdeckt.

Erste Zweifel an der Künstlerberufung schlichen sich ein, ich legte mich trotzdem hin. Allein der Gedanke an den immensen Reichtum, der da auf mich wartete, hielt mich stimmungsmäßig aufreht. Ich hatte schließlich zwanzig Bilder gemalt, rechnete damit, dass ich jedes für zwanzig Pfennig verkaufen könnte – mein Vater hatte mir noch nie nur einen Groschen geschenkt, das alle kam immer von meiner Mutter – und von den zwanzig Pfennig gedachte ich zehn Pfennig für meine Mühen einzubehalten. Das wären zwei Mark gewesen, zwei Mark am Tag, vierzehn Mark in der Woche, sechzig Mark im Monat, sah man einmal vom Februar ab, ja rechnen mochte ich sehr, eher untypisch für Künstler, und wenn ich weiter so produzieren würde, dann könnte ich in einem Jahr 7300 Bilder malen und das wäre ein Gewinn von Siebenhundertdreißig Mark. Das war für mich als Kind soviel, wie ich meines Wissens zum ersten Mal als Vermögen besessen habe als ich schon über dreißig war.

Nun wurde also das Wachen zur Qual, denn die eher noch wenigen Autos und die Strassenbahnen, die zudem noch verdammt laut waren und gerade am Haus meiner Grosseltern quietschend um die Kurve fuhren warfen lange und unheimliche Lichtschneisen ins Zimmer und immer gerade wenn ich einnickte, dann kam wieder eine Straßenbahn oder ein Auto.

Irgendwann fuhren dann die Bahnen nicht mehr, irgendwann kam kaum ein Auto mehr. Dann kamen Schritte näher. In der Ferne ertönte ein Martinshorn. Schließlich war mein Onkel ja Direktor der Schutzpolizei. Die Schritte kamen näher. Ich bekam Angst. Und jetzt stoppten die Schritte vor meinem Fenster. Ich wusste zwar nicht, ob Künstler besonders mordgefährdet waren, aber mir klopfte das Herz im Hals. Sollte ich ins Schlafzimmer laufen und die Oma wecken. Jetzt klopfte es am Fenster. Eine Flasche klirrte. Irgendwer lachte und ich sah meine Eltern schon an meinem Grab stehen und ganz furchtbar weinen, auch wenn sie sich sonst oft über mich aufregten. Ich hätte allen meinen erträumten Reichtum hergegeben, wenn ich nicht solche Angst hätte haben müssen. Zu allem Überfluss muste ich jetzt auch noch aufs Klo, wir dürften ja nur ich muss oder ich muss Pipi sagen. Ich geh pinkeln oder gar pissen wäre einem Sakrileg gleichgekommen.

Was blieb mir anderes übrig als im Dunkeln aufzustehen und zum Klo zu huschen, wo es nachts auch meistens noch ziemlich kalt war. Mein Opa war sparsam und grobes hämorridenfreundliches Klopapier und die Kälte des nächtlichen Bades gehörten dazu. Vielleicht glaubte er, der er als Diabetiker eigentlich dreimal die Nacht raus musste, wenigstens bei den anderen Klogänge/Abspülwasser einsparen zu können. Jedenfalls fror ich mal wieder, als ich mich auf die wenigstens nicht ganz so kalte Holzbrille setzen musste. Bei uns zuhause gab es weißen Kunststoff. Das war damals hochmodern.

Obwohl meine Zähne zu klappern begannen, blieb ich auf dem Klo im Dunkeln sitzen bis Opa irgendwann kam und sich nur wunderte, dass ich da saß. Er schickte mich übelgelaunt ins Bett. Aber ich wusste ja, dass ich ihn wenigsten nicht aus dem Schlaf holen musste, wenn es wieder ans Fenster klopfen würde.

Jetzt müsste ja gemäß der Minitradition wieder was Politisches kommen, aber außer Jack the Ripper fällt mir nicht ein. Aber ich weiß, dass ich damals ein Aufklärungsbuch besaß, ein ziemlich blödes so betuliches. Aber da gab es eine Geschichte, die mich fesselte, eine Päderastentat an einem kleinen Jungen, die mit einem sehr harmlos geschilderten Mord endete. Aber eine meiner Freundinnen meinte, dass dort meine Leidenschaft – das war schon eher künstlertypisch – für Krimis und Detektivgeschichten gelegt worden wäre. Ich bin mir da nicht so sicher, denn mein Vater, der ja alles belegte, was künstlerisch war, hatte mir nicht mehr allzu viele Felder übrig gelassen, für die ich mich interessieren konnte. In die Literatur hatte ich mich schnell hineingefressen, so dass ich schon vor dem Studium an seine Belesenheit zwar nicht aber an das Eindringen in die Literatur  heranreichte.

Aber sonst blieben mir nur Filme und Krimis, die er verachtete und von denen er auch keine Ahnung hatte. Ich habe nur viel zu spät verstanden, dass mein Vater immer eine Rivalität zu mir aufbaute und so war es, ist es vielleicht zu spät ein vernünftiges Verhältnis aufzubauen, wider aufzubauen. Jahrelang hatte ich gar nicht meinen Eltern gesprochen.

Ich lag noch lange wach in jener Nacht. Geklopft hatte es nicht mehr. Schritte gab es immer mal wieder. Die Angst ließ mich erst langsam los, als die ersten Straßenbahnen und der beginnende Morgenverkehr mich in den Schlaf lärmten. Am nächsten Morgen schlief ich bis elf Uhr, bevor ich meine Atelierarbeit wieder aufnahm. Auch das ist wohl künstlertypisch, wobei meine Eltern ja auf recht unterschiedliche Art und Weise immer noch versuchen, mir meinen Künstlerweg auszureden und auszutreiben. Kann sogar sein, dass es ihnen ja gar nicht bewusst ist.

Mein Traum vom grossen Reichtum zerstob allerdings nach dem Mittagessen, bei dem es mich vor lauter Verkäufereuphorie nicht auf dem Sitz hielt, was fast zu einem Fiasko geführt hätte, denn mein Großvater hasste Unruhe am Essenstisch, lebendig dürfte es sein, aber zappelige Kinder ärgerten ihn.

Und nachdem Opa und Oma nach dem Spülen mit ausreichend Pfennigen ausgestattet endlich kamen, um meine Kunst zu begutachten und zu verkaufen, da gab es die erste Schaffenskrise im Doppelpack, erstens kauften sie nur fünf Bilder. – heute wüsste ich ja, das 25% verkaufte Bilder bei einer schlecht gehangenen Ausstellung ein Riesenerfolg wären, aber damals verzweifelte ich, denn das bedeutete mal gerade fünfzig Pfennig Gewinn. Und mein Opa handelte mich bei seinen beiden Bildern noch auf die Hälfte herunter, so dass der Gewinn auf vierzig Pfennig sank. Ich stand kurz vorm Weinen und als Oma dann spitz kriegte, dass ich mir die vierzig Pfennigstücke auch noch einverleiben wollte, also nicht nur gespielt hatte, sondern im heiligen Ernst meine Künstlerkarriere begonnen hatte, da gabs fast noch richtig Krach, denn sie wollte natürlich nicht, dass ich die Pfennige meines Onkels einsteckte. Er hätte es nicht gemerkt, aber es war ein Bankerhaushalt, in dem ich mich aufhielt. Also wäre das in ihren, der Oma, Augen ein Diebstahl gewesen. Ich werde mich sicher jetzt nicht darüber äußern wie Banken und Versicherungen mit dem Geld des Kunden umgehen, aber im Gegensatz dazu ist mein ‘Diebstahl’, der ja auch noch vereitelt wurde, Fliegenschiss.

Weil Oma merkte wie enttäuscht ich war, gab sie mir zwanzig Pfennig, von denen mir mein Großvater fünf Pfennig als Strafe für den Diebstahlsversuch wieder abknöpfte, die am Wochenende beim Kirchgang in den Opferstock wanderten, aber in den ohne Kerzenanzünden.

Die Lektion war bitter. Meine Künstlerkarriere scheiterte zum ersten Mal. Aber in der nächsten Nacht schlief ich früh und tief und fest wieder in einem richtigen Bett. Was sollte ich armer Künstler spielen, wenn das Schlaf kostete und die Reichtümer wirklich nicht gerade üppig waren.

Am nächsten Morgen beschloss ich gemäß der Erziehungsanweisung Nun zappel hier nicht wie ein Clown herum zum professionellen Spassmacher zu werden. Auch eine Künstlerkarriere. Schließlich gab es ja beim Zirkus auch hübsche Mädchen, das wusste ich aus dem einzigen Film, einem Zirkusfilm, den ich mal gesehen hatte, als die Eltern mit meinem Bruder mal zwei Stunden abwesend waren, und da gab es die Liebe, und von der träumte ich natürlich auch schon. Ich war schließlich unsterblich in meine Cousine verliebt, die sich von mir aber nicht küssen lassen wollte, obwohl wir immer Vater, Mutter und Kind spielten, eine der wundervollsten Erfahrungen meiner eher höhepunktarmen Kindheit. Ich wurde also jetzt Clown, aber damit scheiterte ich auch schon bald, nämlich im und am Karneval.

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