WeihnachtsFREUNDE

Ich kenne einen Journalisten, einen ehemaligen Schulkameraden mit durchaus achtbarer Schreibe und wirklich sympathisch-kritischer Einstellung, der jeden Menschen, der in seinem Umfeld Erfolg hat oder Ansehen genießt, als seinen Freund bezeichnet, der aber auch dem Gegenüber wirkliche freundschaftliche Gefühle entgegenbringt. Neid ist eigentlich nicht zu spüren. Aber es reicht nicht wie bei anderen Leuten die Freundschaft zu pflegen. Man hat auch die verdammte Schuldigkeit bei ihm und für ihn etwas darzustellen. Denn wen er als ‘wichtig’ für sich bezeichnet, das hängt vom Status und von der medialen Präsenz ab, nicht vom Menschen, wobei ich überzeugt bin, dass man den Eindruck hätte, man habe sich gestern zum letzten Mal gesehen, wenn man nach jahrelanger Medienabsenz wieder mal präsent wäre und ihn dann sofort widerträfe. Zwischendurch konnte es aber sein, dass man in seinem Interesse unverschuldet – sieht man einmal von mangelnder Medienpräsenz ab – zum ganz, ganz weitentfernten Bekannten herabsank.

Weihnachten 1

Er hat eine unsichtbare Rankingreihenfolge im Kopf, auf der man zwar nicht vergessen werden, aber mangels Öffentlichkeitswirkung so in Vergessenheit geraten kann, dass er nicht einmal der Bitte um Löschung aus seinem E-Mail-Verteiler für seine sehr ehrenwerten Literaturveranstaltungen nachkommt, geschweige denn, dass man noch eine Chance hätte eine Audienz zu bekommen oder zu bewirken, dass er die leichtfertig von mir aus der Hand gegebenen und nicht zur Veröffentlichung bestimmten Texte endlich von seinem Datenspeicher aus löschen würde. Drei Dutzend E-Mails verhalfen mir nicht zum Erfolg. Es schmerzte zwar, aber bis auf eine jammervolle Antwortmail mit den immergleichen Versprechungen erreichte ich nichts.

Weihnachten 2

Ja es stimmt, es geht ihm mit seinen zahlreichen Allergien und Empfindlichkeiten, Überempfindlichkeiten und Ecken wie Kanten nicht immer gut im Leben. Und seine Korpulenz erzählt sicher auch von der Tragödie des begabten und in seinem Freiheitswunsch nicht immer geliebten Kindes, von oralen Defiziten und Essgenuss (haben böse Stimmen nicht gesagt, dass Essen der Sex des Alters ist) und die Leiber vieler wirklich grosser alter Künstler erzählen von Alkoholmissbrauch und Drogenerfahrungen. Er hat eine reizende Frau, die ihn soweit stützt und vor allem den Lebensunterhalt verdient – jedenfalls war das damals so -. er hatte ständig Probleme wegen seines herrlichen Hundes, wegen des Vermieters, seiner Geldsituation etc. Aber das alles ist auch nichts Neues für mich. Wir tragen alle unser Päckchen und meine Toten des vergangenen Jahres sind ein Päckchen, das man wirklich nicht überwinden kann, denn der Tod bleibt danach präsent und ist auch so einschneidend, dass ich vom Leben davor und danach sprechen würde. Wer es nicht erlebt hat, kann es nicht nachvollziehen. Ich weiß, dass das Eindringen des Todes ins Leben immer ein Einschnitt ist. Mancher möchte nur noch nachsterben wie NOVALIS.

Weihnachten 3

Das ist die Realität von Weihnachten, egal wieviel Zuckerguss man drüber spachtelt. Da kann ich mich noch soviel Gemeinsamkeit aussetzen, letztendlich bleibt man allein. Und das Kind in der Krippe, dieser vielleicht schönste aller religionsstiftenden Mythen wispert dir zu: Bedenke, dass du sterblich bist. Das ist Kierkegaard. Du hast keine Chance mehr, nutze sie. Das ist SARTRE und alles lebt sich trotzdem, obwohl dir jeder rechte und jeder angebliche Christ sagen würde: Das geht nicht. Doch das geht. Und machmal muss es eben auch krachen, denn sonst verändert sich gar nichts. Ich weiß, dass sich die Konsequenz dieser säkularen Haltung erst im Sterben und im Tod beweist. Weihnachten einfach ausfallen lassen, das geht nicht, schließlich ist es das, was selbst meine nicht immer unkomplizierten Kindertage vortrefflich machte. Aber diese   gesamtgesellschaftliche Illusion sollte nicht über die Enttäuschung und die Einsamkeit bei Vielen hinwegtäuschen. Ertränken wir sie und erdrücken wir sie mit zuviel Essen, denn wenn wir sie wirklich zuließen, die CARITAS, dann würden wir hinweggespült vom Elend in diesem so reichen Land. Wie man mit der Schuld lebt, als Teil dieses Volkes für die erbärmliche Situation in Griechenland, Portugal, Spanien und auch schon Italien mitverantwortlich zu sein, wenn man griechische Weinblätter, italienischen Käse, spanische Wurst und portugiesischen Wein beim Fest aller Feste zu sich nimmt, auch das ist Weihnachten. Natürlich gratuliere ich Ihnen/Euch allen aufs Herzlichste zum Fest aller Feste. Was gesagt werden musste, das musste gesagt werden, und natürlich werde ich meinen Freund TROTZDEM wie alle Jahre zu Weihnachten anrufen, denn das ist Weihnachten, nicht die Familie.

….vielleicht ist die Katastrophe des angeblichen Weltendes ja längst im Gange, nur wir merken es nicht….

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