Dieser Text aus meiner Zeit im URANIA-Theater/Produktion: Wilhelm Tell für die Schule NACH Max Frisch in Köln, der nun folgt, wurde von den Schauspielern F. und R., letztere mit Eidgenossenpass in der Probe gekippt, weil er ihnen…ich glaube es ging nur darum mich zu ärgern. es war immer so spassig, wenn der ,Bub‘ sich aufregte….Er ist eine Collage aus Zitaten von Max Frisch, Günter Wallraff, Zürcher Tagesanzeiger, Heinrich Böll, Günter Wallraff, Schweizer Zivilverteidigungsbüchlein, Kurt Bonhoefer, Peter Bichsel, Goethe,J.M Baumgartner, Bert Brecht und Max Frisch, in der Reihenfolge der Verwendung,  ausgewählt und zusammengestellt von mir, Jan Ferber. ICH FINDE IHN IMMER NOCH SEHR AKTUELL, OBWOHL ER ÜBER FÜNFUNDZWANZIG JAHRE ALT IST.

Was hat das denn mit TELL zu tun?
ein deutsch-schweizerisches Märchen….

Es bleibt kein Zweifel daran, dass die Aufklärung, das Wagnis der Moderne weitherum gescheitert ist…Man möchte nicht wissen, sondern glauben, zum Beispiel an Sachzwänge. Und Bewußtsein ist nicht begehrt: das bringt nichts.Das bringt nur Verantwortung. Und leben wir alle nicht bestens, gebt‘s zu! Auf Kosten der dritten Welt und auf eine Gefahr hin, die ja auch Kassandra auch nicht zu bannen weiß…Wenn schon Politik: Optimus, Sicherheit durch Bankverein…Schon wer öffentlich fragt, schadet der Gesellschaft und der Wirtschaft. Gefragt ist Patriotismus aus dem Album…Pessimismus bringt keine Wählerstimmen. Und vernünftig ist, was sich rentiert. Man wünscht keine Zweifel, sondern Nostalgie. Alles in allen kein Anlass zu Panik und Revolte, sondern zur Rüstung. Was sonst! Man wünscht keine Apokalypse…

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Und schon ist sie da: Heiterkeit der Postmoderne! Ich weiss mich solidarisch mit allen, die…Widerstand leisten – ich meine: Widerstand auf allen Etagen dieser profitmanischen Gesellschaft, auch Widerstand gegen Rechtsstaatlichkeit als Kniff…und Ansätze dazu gibt es…Ohne einen Durchbruch zur sittlichen Vernunft, der alleine aus Widerstand kommen kann, gibt es kein nächstes Jahrhundert. Ein Aufruf zur Hoffnung ist heute ein Aufruf zum Widerstand…

Man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden. DER SCHRIFTSTELLER weiss immer noch nicht wie Ausländer (in der Bundesrepublik) die täglichen Demütigungen, die Feindseligkeiten und den Hass verarbeiten. Aber DER SCHRIFTSTELLER weiss jetzt, was er zu ertragen hat und wie weit die Menschenverachtung in diesem Land gehen kann. Ein Stück Apartheid findet mitten unter uns statt, in unserer Demokratie.

Mit der Annahme des verschärften Asyl- und Ausländerrechts ist für die Beantworter der Vorlage der Weg frei für eine beschleunigte Behandlung von Asylanträgen in der Schweiz. Nach dem massiven JA (des Volkes) wird der Druck auf die Bundesbehörden wachsen, in der Asylpolitik künftig eine noch härtere Gangart einzuschlagen…kommt es nicht bald zu einem deutlichen Rückgang der Asylgesuche, wird sehr rasch der Ruf nach Notstandsmassnahmen ertönen. Die fremdenfeindlichen Parteien haben diese Forderung schon vor dem Urnengang angemeldet.Rechtsbürgerliche Politiker dürften wohl bald auf diesen Zug aufspringen.Der Ruf nach Härte verspricht schliesslich bei den Wählern ein gutes Echo zu finden.

Alle wissen: Es ist der Segen und das Kreuz des Rechtsstaates, dass er ach die rechtmäßig behandeln muss, die sich gegen das Recht vergangen haben…Das Recht steht über Stimmungen, Volksmeinungen, Umfragen, Statistiken, es steht über Schlagzeilendemagogie und tagespolitischer Spekulation. Das gesunde ,Volksempfinden‘ hat sich in der Geschichte meistens als krank erwiesen und nicht nur im Land der hässlichen Deutschen
…Eine Welle von Verdächtigungen, die hochschwappen kann, hochgeputscht bis in die Wahlkämpfe hineinschlagen wird…im ,gesunden Volksempfinden‘, diesen unermesslichen Reservoir, verbergen sich viele Wählerstimmen.

BND, Verfassungschutz, politische Polizei und Justiz haben die Arbeit des SCHRIFTSTELLERs von Anfang an begleitet. Sein Telefon wurde abgehört, die Wohnung durchsucht, Informanten wurden bedroht, er wurde observiert und es wurde der Versuch unternommen, ihn zu erpressen. Immer ging es den Staatsschützern und ihren Helfern darum, die gesellschaftskritische Betätigung des SCHRIFTSTELLERS zu behindern und seine Motive zu diskreditieren. Wo es nicht gelang, seine Vorhaben zu vereiteln, liess man ihn als Terroristenfreund und Untergrundkommunisten verunglimpfen.Wenn der Eindruck entsteht, dass die Realität die Satire in den Schatten stellt und der Phantasie des SCHRIFTSTELLERs in vielem voraus ist, so ist das weder Verdienst des SCHRIFTSTELLERs noch fällt es in seine Zuständigkeit.

Die zweite Form des Krieges ist darum so gefährlich, weil sie äusserlich nicht als Krieg erkannt wird. Der Krieg ist getarnt. Er spielt sich in den äusseren Formen des Friedenszustandes ab und kleidet sich in die Gestalt einer inneren Umwälzung. Die Anfänge sind klein und scheinbar harmlos – das Ende ist so bitter wie der Krieg selbst. Der Feind will unsere Wehrkraft schwächen. Er nutzt raffiniert und gewissenlos Ideale aus. Aber halten zusammen und bleiben stark. Wir sind ein Volk, das politisch urteilsfähig und wehrhaft ist. Jeder hat seine Waffe und seine Munition zuhause. Wir kämpfen unter allen Umständen. Heute stehen wir schon vor diesen Gefahren. Richten wir unser Verhalten danach, in der Politik und im Alltag.

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Es ist sinnlos, sich über diese Worte zu empören, wenn es auch schwerfällt, das nicht zu tun.Aber sinnvoll ist es, die Gefahren einer derartigen passiven Kriegsvorbereitung zu erkennen. Wer dies nicht kann oder will oder die Erkenntnis verdrängt und sich Fluchtwelten aufbaut, trägt zu dem Klima bei, in dem Kriege gedeihen – ob er es nun merkt oder nicht ob er es nun will oder nicht…

Tun wir doch nicht so, als sei der sogenannte Fortschritt nur ein notwendiges Uebel. Trotz des Wissens um die Fraglichkeit des technischen Fortschritts sind wir immer noch fasziniert von ihm.

Der SCHRIFTSTELLER akzeptiert, dass sich alle als Opfer eines Sachzwangs empfinden, dass sie glauben, es tun zu müssen, weil es andere vor ihnen tun könnten. Genauso entsteht Wachstum, und im Augenblick sieht es so aus, dass uns nicht die Folgen des Wachstums, die Waffen, sondern das Wachstum selbst umbringen werden…

Wir haben uns gemeinsam verrannt. Es gibt auch die Krise der Parteien, die Krise des Staates, die Krise des Gesangvereins wenn sie so wollen – und da wollen einige wenige wenigstens den Gesangverein retten. Und der Wald stirbt und da wollen einige wenigstens die Armee retten, aber der Wald stirbt immer noch…

Über allen Gipfeln
Ist Ruh
Über allen Wipfeln
Spürest du
Die Vöglein schweigen im Walde
Warte nur balde
ruhest du
auch…

Ich bin ein Schweizerknabe, ich hab die Heimat lieb
wo Gott im hohen Firnen den Freiheitsbrief uns schrieb
Der Berge wunderbare Pracht
die zieht mich an mit Zauberacht
Ich bin ein Schweizerknabe und hab die Heimat lieb…

Da schwiegen die Vöglein nicht mehr
Über allen Gipfeln ist Unruh
In allen Wipfeln spürest Du
jetzt einen Sturm

Ein einig Volk von Brüdern, das in Frieden lebt in einem schönen Land und tüchtig ist und in Demokratie wie nirgends auf der Welt, viersprachig und schlicht zwischen Alphorn und Maschinenindustrie. Ohne Utopie, immun gegen alles Unschweizeriche. Was damals nicht auffiel, der dezente Geruch von Blut-und Boden-helvetisch.

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