Die Zukunft von der Vergangenheit befreien?
Die Vergangenheit von der Zukunft befreien?
Ein Versuch über den Zynismus der Strukturen,
das Glück, das Absurde, den Sinn und den Tod.Es geht ein Gespenst um im weltweiten Dschungel der europäischen Kommunikationselektronik, die Betroffenheit. Aber kann ich als Mensch – ob Herr all meiner Sinne, das mögen andere entscheiden – leben und lebendig sein, ohne betroffen zu sein, erschüttert, angefaßt nicht allein von glattgebügelten Kanten und eckigen Abgründen. Selbst die Uneindeutigkeit der Literatur kann nicht länger darüber hinwegtäuschen, daß Weltaneignung nur noch dem möglich scheint, der die Macht oder zumindest ein Stück davon in Händen hält. Ansonsten tobt überall der hektische Kampf ums Geld und darum, seine eigene Angreiflichkeit möglichst in den ewigen Schatten des bereits von Kafka nicht mehr zu durchdringenden Dunkelheit der organisierten Nichtzuständigkeit zu verschieben. Und trotzdem im letzten Klammern an einen Strohhalm des Prinzips Hoffnung beginne ich mit einem poetischen Exkurs, denn in den nicht immer eineindeutigen Antworten der traditionellen Formen künstlerischen Ausdrucks – Literatur, Kunst, Musik, Theater – und auch all den anderen, neuen Formen kreativen Ausdrucks die den Menschen und sein Sein unendlich variieren, erinnern, visionieren und meditieren, finden wir Spurenelemente einer objektiven Antwort auf eine subjektive Frage.

Die Frage nach Zukunft und Vergangenheit impliziert die Frage nach Gott. Gott wäre die Einheit des Augenblicks, der große Ton in der Verschmelzung von Ewigkeit und Jetzt, der Ton der Ewigkeit, der geschichtlichen Ewigkeit, der ewigen Widerkehr des Immergleichen. Aber wäre Gott dann nicht auch das Glück, der Tod, der Krieg, das Leid, die immer noch unbewältigte Unmenschlichkeit des Menschen, die kein kategorischer Imperativ und kein ‘Gott ist tot’ und kein ‘Religion ist Opium für das Volk’ haben bewältigen und endgültig vernichten können. Gott wäre nichts anderes als die ewige Widerkehr des Todes, der das einzige Sichere und dennoch die größte Ungerechtigkeit ist, die es in der Welt gibt. Und da es wahrscheinlicher ist, daß Nietzsche und alle die Recht haben, die Gott als nichtexistent ansehen, als eine Schöpfung des Menschen und nicht als eine Schöpfung des Kosmos, will ich zunächst einmal davon ausgehen, daß absolut nur der Tod ist und Gott als Menschenschöpfung relativ. Ist es nicht ein kleiner Schritt bis zum modernen Wahnsinn eines Turbokapitalismus, der alles möglich macht, weil nur der Tod absolut ist. Und solange alles relativ ist – denkt er, der Kapitalismus, der moderne zynische Wahnsinn, den wir Normalität nennen – ist alles erlaubt. Wozu dann aber Zukunft, wenn alles, was uns erwartet in so einem furchtbaren Gegensatz zum sehnsüchtigen Streben der Menschen steht, das alles Leben bis zum ersten Begreifen des eigenen Sterblichseins als Streben nach jenem Moment begreift, von dem Goethes Faust sagen würde: Könnt ich doch zu jenem Augenblicke sagen:  Verweile doch du bist so schön?

Und dann bricht die Erkenntnis über den Menschen herein wie ein Gewitter über den einsamen Wanderer im Gebirge. Urplötzlich steht er der Brachialgewalt des Kosmos gegenüber, die im Erschrecken mündet. Ich werde auch sterben und was tue ich hier eigentlich. Wozu lebe ich? Dann wird völlig unwesentlich, was ich im gesellschaftlichen Sinne bin, dann stehe ich mir alleine gegenüber, egal ob ich reich oder arm bin, berühmt oder unbekannt. Und wird dann die Frage nach Gott nicht genauso unwesentlich und letztendlich eine Illusion wie die Frage nach Geld, Raum oder Zeit? Denn wo soll Platz für Gott sein, wenn die Materie letztendlich ein Nichts plus Energie ist und der Wirtschafts- und Geldkrieg der Mächtigen und Marionetten der Strukturen letztendlich ein Kasperletheater der Illusionen, das sich in ganz seltenen Momenten mit dem Leben der Menschen und an sich überschneidet.
Also hat Camus recht, wenn er die Absurdität der Existenz im Bild des steinerollenden Sisyphos festmeißelt? Ich weiß es nicht sicher und ich weiß es nicht in einer Form, die sich auf 1 Minute 30 Sekunden oder 40 Zeilen pressen lassen. Ich weiß nur, was ich weiß und das verändert sich ständig. Um mit Heraklit zu sprechen. Ich bin schon einen Augenblick später nicht mehr der, der ich gerade noch war. Genau wie Heraklits Fluß.
Was bedeutet eigentlich die Vergangenheit für mich? Ich war ein paar Tage auf der Welt, da wurde die Mauer gebaut. Ich war sieben Jahre alt, da betrat der erste Mensch den Mond, während in Europa die Studenten revoltierten und sich danach ihre Fehlschlüsse als blutige Spur des Terrorismus durch das Europa zogen, das sich jetzt in Brüssel in einer Art bürokratischem Supergau manifestiert. Damals gab es bei weitem noch nicht eine solche Menge von Zeitschriften und elektronischen Medien, wie sie heute das Leben bestimmt. Damals gab es einen Bruchteil der Informationen, von denen heute kaum noch einer unterscheiden kann, ob sie relevant sind oder uns nur die Hirne oder, was eigentlich viel schlimmer ist, die Herzen verstopfen. Und die Schere zwischen privatem und öffentlichem Leben geht immer weiter auseinander. Aber was hat es für einen Sinn sich mit den Dingen des Geistes zu beschäftigen, mit der Frage von Zukunft und Vergangenheit im Angesicht von Glaube, Hoffnung und Liebe als Ausdruck einer Existenz, deren einzige Gewißheit der Tod ist, wenn meine öffentliche Sprache – egal ob ich nun Toilettenfrau bin oder Bundespräsident – keine Sprache ist, die etwas mit meinem Herzen zu tun hat. Oder um mit Max Scheler zu sprechen: Haben sie schon mal einen Wegweiser gesehen, der den Weg geht, den er weist?


Ist es nicht beinahe unerträglich, sich den Luxus zu gönnen, viele Zeilen zu diesem Thema in den Computer zu hacken oder aufs Papier zu schreiben, während minütlich Menschen sterben, Kinder verhungern, Krieg ausbrechen. Menschen gedemütigt und gefoltert werden? Wo gibt es Menschlichkeit in diesen Zeiten, die vieles mit Kriegszeiten gemeinsam haben, so erschöpft erscheinen einem zuweilen die Gesichter der Menschen in der Anstrengung, niemand spüren zu lassen, daß sie verzweifelt sind, Angst vor dem Nichts und dem Nichts nach dem Tod haben? Der Zynismus der europäischen Gegenwartsstrukturen, deren globale Machtausdehnung in den Medien, sich in der Globalisierung der Märkte und der weltweiten kommunikativen Vernetzung ausdrückt, ist allgegenwärtig. Ihm begegnen, bedeutet jenseits konkreter politischer Forderungen und jenseits neuer Ideologeme zunächst einmal nichts weiter, als sich auf Spurensuche zu begeben, inwieweit der Zukunft die Vergangenheit anhaftet und der Vergangenheit die Zukunft. Es geht mir auch darum, dies in einer Sprache zu tun, die jenseits der öffentlichen Sprache liegt Und ich erlaube mir in diesem Zusammenhang bisweilen den Exkurs ins Poetische, denn der Rationalismus der angeblichen Aufklärung der viel eher der hydragleichen Neukonstituierung immerneuer und immergrößerer zynischer Strukturen gleicht, begrenzt den freien Flug meiner grauen Masse, in dem ich in Verbeugung vor dem Dichter Seamus Heaney mit Tinten- oder Tastaturspaten grabe.

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Vergangenheit und Zukunft 10
09.02.2012 20:43:55
Inwiefern der Zynismus der Strukturen einer ehrlichen Antwort auf die Frage im Wege steht?Dieses Essay möchte genauso wie Peter Sloterdijk in seiner wunderbaren KRITIK DER ZYNISCHEN VERNUNFT noch einmal den sterbenden Baum der Philosophie blühen sehen, einer Wissenschaft, die langsam von Politik, Gesellschaft und Medienkonsens in den Hintergrund gedrängt wird, obwohl ihre Fragestellungen im Hinblick auf die gegenwärtigen Erkenntnisgrenzen wieder zunehmend an Bedeutung gewinnen.In einer Blüte ohne Enttäuschung, übersät mit bizarren Gedankenblumen, rot, blau und weiß schimmernd in den Farben des Anfangs wie damals im griechischen Frühlicht – als die theoria begann und als, unglaublich und plötzlich wie alles Klare, das Verstehen zu seiner Sprache fand. [SL 28]Und vor allem will ich wie Sloterdijk, nichts versprechen, vor allem keine neuen Werte in einer Zeit, in der sich zehntausend Menschen in einem Zelt zu einem budhistischen Seminar mit dem Dalai Lama treffen und einem die Meinungsstrategen tagtäglich ihre lobyistisch geprägten Werte und Sprachhülsen um die Ohren hauen.

Erst radikale Nacktheit und Unverborgenheit der Dinge befreien uns vom Zwang zur mißtrauischen Unterstellung. [SL 28]

Es sind die Schwerverwundeten der Kultur, die in großen Anstrengungen, etwas Heilendes finden, das Rad der Kritik weiterdrehen. [SL 25]

Den lebendigen Körper als Weltfühler entdecken, bedeutet der philosophischen Welterkenntnis eine realistische Grundlage zu sichern [SL 20]

Ich habe einen Text, den ich vor ein paar Jahren geschrieben habe, getitelt: Papa auf den Straßen ist Krieg. Er war geprägt von der leibhaftigen und medialen Eigenerfahrung, daß frustrierte und vielfach nicht nur dumme Jugendliche im neuen brauen Mob ihre Heimat fanden und wieder Schlägertrupps über die Straßen des Landes ziehen. Aber viel furchtbarer als dieser Mob erscheint mir damals wie heute die tatsächliche Gleichgültigkeit derer, die sich medial entrüsteten, sei es nun über Auschwitz oder über Hoyerswerda, denn in Wirklichkeit hing alles gebannt an den Lippen von Kommentatoren und Sensationsberichterstattern, als im Jahr 1992 in Rostock die Brandsätze gegen Vietnamesen flogen und das Fernsehen, entrüstet zwar, aber live dabei war. Eine zynische Lust an der Katstrophe und der tödlichen Sensation ist selbst in der Linken – ein toter Demonstrant ist ein guter Demonstrant, denn er reißt dem ‘Schweinestaat’ die Maske vom Gesicht – das prägende Lebensgefühl. Und das bedeutet eigentlich, daß wir in einer Vorkriegszeit lebten und leben

die alle ans Lebensgefühl rührenden Konflikte auf den Moment zu vertagen entschlossen ist, in dem der äußere Krieg die Begegnung mit der inneren Wirklichkeit überflüssig machen wird….Seither haben wir im Ohr, wie die Papiere knistern werden, von denen bei Kriegsausbruch die Verantwortlichen ihre Betroffenheit und ihre Erschütterung ablesen [SL 245]

Dies ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist das Verstricktsein in die Sorge. Ich meine nicht die tatsächliche Angst um die Existenz, sondern ich meine die Sorge um die Wahrung von allem, was jenseits dem potentiellen Glücksmoments des Augenblicks liegt.

Die Sorge saugt das Glücksmotiv auf. Wer an diesem festhalten will, muß darum nach kynischem Muster lernen, die Vormacht der Sorge zu brechen. Doch das vergesellschaftete Bewußtsein sieht sich einer unablässigen Agitation durch Sorgethemen ausgesetzt. Sie schaffen die subjektive Beleuchtung der Krise, in der auch die Gutgestellten sich bereits die Mentalität von Schiffbrüchigen zugelegt haben. [SL 247]

Die Mentalität eines Untergangs, in dem es vor allem darauf ankommt, nicht glücklich zu sein. Denn wer von sich behauptet, er sei glücklich, macht sich verdächtig. Gute Laune ist amoralisch. Glück – ich meine nicht die glatte Hochglanzoberfläche – ist eine Unverschämtheit.

Hier liegt der Kardinalpunkt aller prinzipiellen Frechheiten. So frech, so unverschämt muß sein können, wer als Aufklärer noch sich behaupten will. Es sind nicht mehr so sehr unsere Köpfe, an denen die Aufklärung ihre Arbeit zu verrichten hat, es sind die verdüsterten Egoismen, die vereisten Identitäten. [SL 250]

Und beginnt dieses Horrorszenario einer allumspannenden Krise nicht folglich schon dort, wo die Philosophie in ihrem falschen Ernst und ihren gedankenverrenkenden Formulierungen den falschen Ernst des Lebens spiegelt? Dagegen gilt es zu schreiben in bester kynischer Opposition zu jener ebenfalls zynischen Überernsthaftigkeit, die nicht nur die alte, sondern auch die neue Philosophie kennzeichnen.

In einer Welt voll Unrecht. Krieg, Resentiment, Isolierung und blindem Leid bringt die ‘Aufhebung’ der Philosophie durch die Klugheitsstrategien eines solchen Lebens zusätzlich noch einen schmerzlichen Mangel hervor; dieser dokumentiert sich unter anderem im neokonservativen Sinnhunger der Gegenwart [SL 281]

Schreiben und somit Denken und somit Philosophieren bedeutet nicht Sinngebung im alten Sinne sondern Entlarvung dessen, was unter dem Deckmantel der Kommunikation und des Marketings Privat- und Strukturinteressen als permanent verfeinertes Kriegswerkzeug gegen die praktische und kommunikative Vernunft rüstet, wobei die klare Sicht des System gewordenen Zynismus keineswegs ein Plädoyer für eine Rückkehr zu einer objektiven Vernunft bedeutet. Gerade das ist es ja, was Sloterdijk in seinem wunderbaren Buch über den Zynismus nicht möchte. Denn Kants kategorischer Imperativ und die objektive Vernunft haben diesen Zynismus erst möglich gemacht, dessen Anblick alles in den Schatten zu stellen scheint. Allein der kynische Impuls des satirischen-unzynischen Gelächters scheint eine Möglichkeit zu bieten, in der Aufhebung der Philosophie ein fröhliches Fest zu feiern und alle die, die meinen, es ginge nicht anders, eines besseren zu belehren, ohne ihnen die Dimension ihrer eigenen Erfahrungsmöglichkeit zu nehmen. Liegt doch gerade im Schock konkreter und nicht virtueller Erfahrung, im Zusammenprall mit dem Kynischen, die große Chance der existentiellen wirklichen Erschüttertung, die sich nicht in ein zynisches Bonmot flüchtet, weil sie überhaupt nicht mehr spürt, was tatsächlich geschieht. Einen solchen Moment überhaupt geschehen lassen können, bedeutet eine Lebendigkeit, die in sich alles, was war, neu verschmelzen kann zu einer Zukunft, die vollkommen neu wäre und den ständig mit Realismus und Vernunft begründeten Antagonismus von Vergangenheit und Zukunft auf ein neues Niveau transzendieren könnte.

Sapere aude! Bleibt der Wahlspruch einer Aufklärung, die auch im Zwielicht modernster Gefahren der Einschüchterung durchs Katastrophale widersteht.


Nur aus ihrem Mut kann sich noch eine Zukunft entwickeln, die mehr wäre als die erweiterte Reproduktion der schlimmsten Vergangenheit. Solcher Mut speist sich aus den so dünn gewordenen Strömen der Erinnerung an ein spontanes, von niemandem gemachtes In-Ordnung-sein-Können des Lebens. Wo die alten Lehren von ‘objektiver Vernunft’ zu sprechen versuchten, wollten sie in einer seit dem Beginn der hochkulturellen Ära durchaus ‘entfremdeten’ Welt in therapeutischer Absicht auch daran erinnern, daß die Dinge vielleicht wieder in Fluß und Ordnung kommen können, wenn wir als Subjekte abrüsten und von seriös getarnten, zerstörerischen Aktivismen ins Seinlassen zurücktreten. Darf man aber so etwas heute überhaupt noch sagen? Ist das Bündnis unser Rationalität mit ‘Realismus’ und ‘Zynismus’ insgeheim schon so verfestigt, daß sie von einer anderen Vernunft als der aktivistischen nichts mehr wissen will. [SL 952]

Mit diesen Gedanken schließt Sloterdijk seinen großen und langen, materialreichen und intelligenten, seinen kynischen und bisweilen doch dem zynischen erlegenen Diskurs über das, was seit Beginn der Aufklärung aus der Vernunft geworden ist. Und er fügt die schlichteste und zugleich schönste Passage des gesamten Buches hinzu, eine Hymne auf das Leben, über das, auf das man nur dunkel hinweisen kann, über das, das nicht beweisbar ist, über das, worüber man nicht argumentieren kann, und schließlich über das, das sich in seinen Spurenelementen in den Freuden und Leiden der Künstler der Welt und ihren Werken als letztendlich vielleicht sogar einziges Moment von Aufhebung der Zeit findet. Und in jenen seltenen Momenten der Erfahrung ergibt sich eine Antwort auf die Verquickung von Vergangenheit und Zukunft. Es ist ein klares nein, das wir auf die beiden Ausgangsfragen antworten, denn in der Erfahrung des Rezipienten, des Lesers, Zuschauers, Hörers und Betrachters vollendet sich für Momente die Aufhebung all dessen, was diese Fragen so schwer und schwermütig macht, die Erfahrung mit dem Vergangenen, das Wissen um die Geschichte, der Zynismus der Gegenwart, die Sorge vor der Zukunft und die Unfähigkeit der Systeme und Strukturen, sich selbst zu ändern oder eine Änderung zuzulassen. Einst in den Zeiten des globalen Wettrüstens lächelte uns die Bombe als kosmische Ganzheitsverheißung an und es schien nur noch eine Frage der Zeit, bis wir uns in einem atomaren Overkill in das Nichts des Alls aufgelöst hätten, aus dem die Erde einst entstanden ist. Vielleicht liegen dieses Moment und die Erfahrung der Mystiker aller Zeiten gar nicht so weit auseinander.

Es geht um Erfahrungen, für die ich kein anderes Wort finden kann als das überschwengliche vom gelungenen Leben. In unseren besten Augenblicken, wenn vor lauter Gelingen auch das energischste Tun im Lassen aufgeht und die Rhytmik des Lebendigen spontan uns trägt, kann sich der Mut plötzlich melden wie eine euphorische Klarheit oder ein wunderbar in sich gelassener Ernst. Er weckt in uns die Gegenwart. In ihr steigt die Wachheit mit einem Mal auf die Höhe des Seins. Kühl und hell betritt jeder Augenblick deinen Raum; du bist von seiner Helle, seiner Kühle, seinem Jubel nicht verschieden. Schlechte Erfahrungen weichen zurück vor den neuen Gelegenheiten. Keine Geschichte macht dich alt. Die Lieblosigkeiten von gestern zwingen zu nichts. Im Licht solcher Geistesgegenwart ist der Bann der Wiederholungen gebrochen. Jede bewußte Sekunde tilgt das hoffnungslose Gewesene und wird zur ersten einer Anderen Geschichte. [SL 953]

Vergangenheit und Zukunft 9
09.02.2012 20:42:10
Die Katastrophe der Fabrikation von KonsensAn diese Betrachtungen schließen sich für mich nahtlos einige Überlegungen an zum Krebsgeschwür der modernen Demokratien, den sogenannten gesellschaftlichen oder demokratischen medial geprägten Konsens. Der ehemalige Linguist und heute unermüdliche Aufklärer  Noam Chomsky, der schon in seiner Zeit im Elfenbeinturm der sprachwissenschaftlichen Welt für Aufsehen gesorgt hat, spricht in diesem Zusammenhang von der Fabrikation von Konsens. Es wäre naiv, anzunehmen, Indoktrinierung vertrage sich nicht mit Demokratie. Die Sache ist doch so: In einem Militärstaat, einem Feudalstaat oder einem, wie wir das heute nennen, totalitären Staat kommt es nicht darauf an, was die Leute denken. Man kann ihnen eins mit dem Knüppel über den Kopf geben, man hat ihr gesamtes Tun unter Kontrolle.
Wenn aber ein Staat über keine Knüppel mehr verfügt, wenn man das Handeln der Menschen nicht mehr gewaltsam beeinflussen kann und wenn ihre Stimme vernehmbar ist, dann hat man ein Problem. Unter diesen Umständen können sie so neugierig und so arogant werden, daß sie nicht mehr so demütig sind, sich unter eine bürgerliche Herrschaft zu beugen – also muß die Kontrolle sich auf das Denken der menschen erstrecken. Der Ausweg, der hierzu gewöhnlich eingeschlagen wird, pflegt man in ehrlicheren Zeiten Propaganda zu nennen. Fabrikation eines Konsenses, Schaffung notwendiger Illusionen. Es ist immer dasselbe – entweder man marginalisiert die Allgemeinheit oder man versetzt sie auf die eine oder andere Weise in Apathie[CH 41]Und wer sich diesem Konsens widersetzt, sei es in Form von Äußerungen, sei es in Form von gewaltlosem Widerstand, der hat mit erheblichen Sanktionen zu rechnen. Wirtschaftliche Ruinierung ist dabei genauso vorgesehen wie die moderne Form der Inquisition, Mundtotmachen durch gezielte Falschinformationen und Verdrehungen. Natürlich wird niemand mehr in den westlichen Demokratien in eine psychiatrische Anstalt gesteckt oder einem Todeskommando ausgeliefert, wenn man die Spielregeln verletzt, aber klare Strafen gibt es doch dafür. Es gehört schon eine gehörige Portion Mut, Leidensfähigkeit und auch Unterstützung von Freunden und Verwandten dazu, sich auf diese Weise mit der Hydra der modernen Strukturen anzulegen, und nicht zu negieren, daß Zukunft ohne Vergangenheit und Vergangenheit ohne Zukunft zwar denkbar, aber nicht sinnvoll sind.

Die einzelnen Gesellschaftssysteme unterscheiden sich voneinander, aber in unserer Gesellschaft liegen die wesentlichen Entscheidungen über das, was hier ablaufen soll – Investitionen, Produktion, Distribution usw. – in den Händen eines Netztwerks aus großen Konzernen, Multis und Finanzunternehmen. Diese stellen auch die Inhaber der wichtigsten Regierungsämter. Ihnen gehören die Medien; sie können die eigentlichen Entscheidungen fällen. Sie besitzen geradezu übermächtige Gewalt über unser Leben – also über das, was in der Gesellschaft passiert. Sie beherrschen das Wirtschaftsleben, schon prinzipiell und auch noch durch Gesetze. Da sie alle Ressourcen kontrollieren und überall ihre Interessen durchsetzen wollen, unterliegt unser politisches und ideologisches System äußerst scharfen Beschränkungen. [CH 49]

Jetzt werden sich wahrscheinlich viele Leser die Frage stellen, ob der Autor dieses Textes einen Rückfall in seine spätpubertäre Revolte erlitten hat. Diese Frage kann ich ihnen nicht beantworten. Ich bin mir allerdings sicher, daß die offensichtliche Anwaltschaft der Medien für die Sorgen und Nöte der Menschen, eine Illusion ist, die letztendlich in all ihrer nur nach Quoten und Auflagen schielenden, angeblichen Suche nach WahrheitAufmüpfigkeit doch nur der Durchsetzung bestimmter Interessen dient. Allerdings stimmt es hoffnungsvoll, wenn in einer Umfrage über 90% der Befragten der Meinung sind, daß das Fernsehen sie entweder beschummelt oder belügt. Wichtig ist allerdings noch einmal ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß es hier nicht um eine nationale und internationale Verschwörungstheorie geht, sondern um die Sanktionen, mit denen man umzugehen hat, wenn man sich kritisch-analytisch mit den bestehenden Zuständen auseinandersetzt.

Jeder von ihnen [gemeint sind die Menschen, die sich in die Abhängigkeit des Systems hineinbegeben] ist völlig von seiner Sache überzeugt. Jeder hat sich seine Glaubenswelt zurechtgelegt, die ihm sagt: ‘Jawohl dies ist alles richtig und gerecht und ich selbst bin dabei völlig frei und unabhängig.’ Wären sie nicht im Besitz dieses Glaubenssystems, sie könnten nicht weitermachen wie bisher (…) Ich stimme ihnen darin zu, daß es sich um ein gewschlossenes Glaubenssystem handelt. Es ist so eine Art Fundamentalismus, wo man kritische Analysen einfach nicht mehr zur Kenntnis nehmen kann.

Das Fatale an diesem System ist, daß es einem keine Möglichkeit offenhält, sich mit ihm kritisch auseinanderzusetzen. Man paßt sich ein wenig an und spürt, daß darin ein Privileg liegt. Weil es nützlich ist, glaubt man bald selbst an das, was man sagt. In diesem Augenblick hat man das Sytem aus Indoktrinierung, Täuschung und Verzerrung bereits verinnerlicht und ist ein williges Mitglied der privilegierten Elite geworden, der Herrin über die Gedanken und die Indoktrinierung. Das ist überall so, ob unten oder oben. Es dürfte kaum einen Menschen geben, der diese sogenannte ‘kognitive Dissonanz’ aushalten kann: an etwas glauben, aber etwas anderes sagen. Man fühlt sich genötigt, gewisse Dinge zu sagen, und sehr bald glaubt man selbst daran, schon weil es gar nicht anders geht. Chomsky fordert in diesem Zusammenhang vehement zur intelektuellen Selbstverteidigung auf und vor allem attackiert er die Strukturen dahingehend, wie sie mit der Vergangenheit und der Zukunft umgehen:

Meiner Meinung nach hat der Staat kein Recht, darüber zu bestimmen, wie die geschichtliche Wahrheit lauten soll, und dann alle zu bestrafen, die davon abweichen. [CH 184]

Ergo hat er auch kein Recht, darüber zu bestimmen, wie man die Zukunft zu verstehen hat. Indem ich die Zukunft von der Vergangenheitslüge des demokratischen Konsens befreie, gebe ich ihr neue Perspektiven. Indem ich die Vergangenheitslüge des demokratischen Konsens nicht davon befreie, daß sie eine Mitverantwortung für eine andre Zukunft hat und eine Mitschuld, wenn sie weiter daran arbeitet, diese Zukunft zu verhindern, arbeite ich an einer Überwindung der Gegensätze, taste ich mich langsam voran auf einen bisher erst vermuteten Pfad der Coincidentia oppositorum. Die reine Verwissenschaftlichung erscheint dabei aber nicht unbedingt als der Weisheit letzter Schluß.

Die Gesellschafts und Verhaltenswissenschaften verdienen ernsthaft studiert zu werden, nicht nur, weil sie auch per se Interessantes zu bieten haben, sondern weil uns dadurch erst klar wird, wie wenig sie über die wirklich drängenden Menschheits- und Gesellschaftsprobleme aussagen. [CH 194]

In diesem konkreten, politischen Zusammenhang der Betrachtung der Fragestellung stellt sich natürlich auch die Frage nach einer Form des menschlichen Zusammenlebens:

Davon auszugehen, daß es den Staat geben muß, das ist so, als würde man fragen: Welches Feudalsystem wäre das beste für uns? Welche Form der Sklaverei wäre die beste? [CH 208]

Ich möchte hier bei aller Offenheit allerdings ausdrücklich betonen, daß ich bei diesem Zitat keineswegs im Sinne haben, fundamentalistische Gewalt von welcher Seite auch immer zu unterstützen.

Vergangenheit und Zukunft 8
09.02.2012 20:40:19
Der Künstler und
die Frage nach einer vergangenheitsbefreiten Zukunft
und einer zukunftsbefreiten Vergangenheit?

Fernab von der Anmaßung, eine Antwort auf die Frage geben zu können, was Kunst ist und was ein Künstler ist, versuche ich im Sinn der Ausgangsfrage darüber zu meditieren, denn ich bin ein Künstler. Ich habe über fünfunddreißig Jahre dafür gebraucht, etwas zu werden, von dem ich vielleicht am ehesten sagen könnte, daß es nichts ist, was sich vermitteln, aber auf jeden Fall etwas ist, was sich erfahren läßt. In diesem Sinne möchte ich mich sogar dem Kunstbegriff von Joseph Beuys anschließen, ihn sogar erweitern und behaupten, daß in jedem von uns ein Künstler schlummert, der sehnsüchtig darauf hofft, sich eines Tages entfalten zu dürfen und seine Schönheit und seine Häßlichkeit, seinen Reichtum und seine Armut, seine Bedürftigkeit und seine Pracht, seine Lebendigkeit und seinen Kampf mit der einzigen wirklichen Gewissheit zeigen zu dürfen
Kunst hat aber vor allem etwas mit der Erfahrung des Spielerischen, des Leichten und seiner Lebendigkeit zu tun. Und es ist einer jenen verquasten esoterisch-spirituellen Gedanken, daß Kunst grundsätzlich mit Leiden gleichzusetzen sei. Dem ist auf das energischste zu widersprechen. Spiel ist keine Arbeit und ein spielerischer Umgang mit den Dingen widerspricht dem Ernst des Lebens. Das waren die allerersten und bittersten Lektionen, die ich in meiner Kindheit gelernt habe. Und heute kämpfe ich immer noch mit jenen Früchten der harten Erziehungsarbeit meiner Eltern in Form meiner vielfältigen kreativen Blockaden. Vielleicht unterscheidet uns Künstler von jenen, die ihr Künstlertum bisher nicht zugelassen, lediglich, daß wir uns jenem Kampf stellen, wobei sich dies nur diejenigen als Kampf vorstellen, die den Weg noch nicht begonnen haben.

Wenn ich von Kunst rede, meine ich nicht vorrangig die erfolgreiche Produktion und den erfolgreichen Verkauf von Kulturprodukten auf dem Markt, sondern ich meine vor allem den Prozeß der eigenen kreativen Entwicklung, die, wenn erfolgreich, immer wieder Momente gebiert, in denen sich die Zeit aufzuheben scheint, die Vergangenheit ohne Zukunft und die Zukunft ohne Vergangenheit erfahrbar wird. Wichtigstes Moment scheint dabei zu sein, sich nicht ständig unter einen Qualitätsdruck zu setzen, den man nicht erfüllen kann. Denn ein Kunstwerk ist immer nur eine Momentaufnahme dieses inneren Prozesses, in dem die fatale Trennung des Privaten und des Öffentlichen an einem Ort jenseits von Zeit und Raum zu etwas aufgehoben wird, das im Prozeß der Vervollständigung durch einen Rezipienten erst Kunstwerk wird und in den Augen des Künstlers nicht fertig ist, wenn es abgeschlossen wird. Erst durch ein Weitervoranschreiten auf dem eigenen künstlerischen Weg erhält es seine ganz eigene Bedeutung im Prozeß und wird auch vom Künstler als abgeschlossen betrachtet, wobei keineswegs ausgeschlossen ist, daß der Künstler Elemente des zurückliegenden Prozeßweges wieder aufnimmt und neu durchdringt, sozusagen transformiert.
Dieser Weg ist ein glücklicher Weg, ein Weg voller Lebensfreude und Lebendigkeit. Dennoch ist er nicht frei von Absurdität und vor allem von Schmerzen. Und trotzdem oder gerade deswegen ist es ein glücklicher Weg, der aber immer und in jedem Moment den Willen zum Glücklichsein einschließt. Glück ist nicht absurd. Glück ist erfahrbar, auch jenseits einer bürgerlichen Ideologie, die sagt „Ich bin zufrieden“ wenn sie „Ich bin nicht glücklich“ meint. Glück braucht kein Geld aber sie spricht auch nicht dagegen. Es ist die Kunst, sich nie mit dem zu arrangieren, was Status quo ist, ohne sich nach dem zu verzehren, was man nicht hat und auch nicht bekommen kann. Glücklichsein heißt nicht nur, seinen eigenen Künstlerweg zu gehen, ungeachtet der Anfeindungen und der Mißgunst derer, die noch nicht verstehen, sondern ihn auch gehen zu wollen und dabei jede Pore seiner eigenen Lebendigkeit zu fühlen. Es heißt die coincidentia oppositorum zu erreichen und gleichzeitig daran zu scheitern. Aber in jenen Momenten, in denen man Zeit und Raum der Gegenwart verläßt ist Zukunft ohne Vergangenheit denkbar und Vergangenheit ohne ZukunftSchau und du wirst es finden – was nicht gesucht wird, das wird unentdeckt bleiben
(Sophokles)
Vergangenheit und Zukunft 7
09.02.2012 20:39:01
Sartre bzw. Von der Freiheit des HandelnsWenn der moderne Atheismus die Existenz Gottes für unwesentlich hält, so doch vor allem um der Würde des Menschen willen, von dem Sarte zu recht sagt: Der Mensch ist ein Nichts, wenn die Essenz der Existenz vorausgeht. Also geht die Existenz der Essenz voraus. Und indem sich der Mensch selbst schafft in den Grenzen des Menschseins, schafft er seine Essenz, das, was ihn einzigartig macht, ihn von allen anderen Menschen unterscheidet.
Wäre der Mensch nun vollkommen frei, wäre er nicht an die Grenzen seiner eigenen Subjektivität gebunden. Wäre er wirklich frei in Denken und Rede, dann könnte er Bewegung und Handeln wie auch Zeit frei wählen. Es läge an ihm, ob er sich in Vergangenheit, Gegenwart – Was ist das eigentlich? – bewegte, es läge an ihm.
Aber wir alle wissen, daß es die Zeit gibt. Wir erfahren sie Tag für Tag. Die Vergangenheit ist gewesen. Sie ist vorbei. Ich kann nichts mehr ändern. Und die Zukunft? Wie wird sie sein?
Der Esoteriker würde sagen: was soll ich mir den Kopf darüber zerbrechen? Ich weiß noch nicht einmal, ob ich sie erleben werde? Also ist es doch müßig, sich darüber Gedanken zu machen? Es kommt ja doch erstens anders und zweitens als man denkt.
Mag sein. Aber es geht nicht einfach um Vergangenheit oder Zukunft. Es geht nicht einfach darum, ob ich meine Vergangeheit schaffe, indem ich meine Gegenwart lebe und mich nicht um die Zukunft schere. Oder als ob es nicht darauf ankäme, auf das Morgen in Sorge oder Hoffnung im Bewußtsein der Ängste und des Schmerzes der Vergangenheit zu schauen.
Wenn es so einfach wäre, dann wäre die Zeit eine Illusion. Die Vergangenheit wäre nur die Erinnerung an das Gestern und die Zukunft nur der Wunsch wie das Morgen werden möge. Es käme einfach nur darauf an, seinen Frieden mit dem Gestern zu machen, auch wenn es die Hölle oder der Wahnsinn schlechthin sind. Daraus einfach die Schlüsse für das Morgen zu ziehen, einfach nur im Jetzt zu leben – das budhistische Der Weg ist das Ziel zu verfolgen – nur im Jetzt das Leben zu gestalten und zu leben. Vergangenenes wäre gewesen. Es wäre verwest.
Und morgen kann das geschehen, woran ich nie dachte. Das Leben ist vielfältiger als die Phantasie des Menschen. Ich kann mir die Zukunft wünschen, aber nie befreit vom Moment des Gewesenen. Und ich kann sie mir nicht vorstellen, jedenfalls nicht so wie sie ist bzw. sein wird.
Wir begreifen unsere Grenzen der Wahl nicht nur im Menschsein wie Sarte. Wir begreifen unsere Grenzen tagtäglich im Anderen, von denen Sarte sagt. Sie sind die Hölle, die anderen.
Es ist ein schöner, aber frommer Traum, wenn morgen das geschehen kann, was ich nicht dachte. Je älter wir werden, desto mehr glauben wir zu begreifen, daß alles was ist, immer auch Konsequenz des Gewesenen ist, mögen die Motive unseres Handelns auch noch so tief unbewußt verborgen sein.
Aber Sarte sagt auch, daß ein Kennzeichen menschlichen Handelns die Zielgerichtetheit ist und sei es, daß dieses Ziel darin besteht, kein Ziel zu haben. Alles Handeln ist zuerst einmal immer nur gedanklicher Entwurf, auch wenn das in unserer schnellebigen Zeit in der Hast des Tagtäglichen manchmal nur Sekundenbruchteile von Gedankenentwürfen sind. Und hier geht Sarte weiter und sagt, daß im Gegensatz zum An-sich-sein alles übrigen Seienden zum menschlichen Handeln ein Nichtsein gehört.
Was bitte soll das denn nun schon wieder? Ich kann aus der Vergangenheit und Erinnerung aber doch nicht lernen, wenn ich ein Nichts bin. Ich kann mir doch dann nicht wünschen und daran arbeiten in Zukunft anders zu handeln als bisher. Ich kann mich nicht mehr im Jetzt in Bezug zu meinem vergangenen Leben überprüfen, verändern und neu gestalten. Und wenn dann alles gut wird, dann wird das Morgen mir zeigen, ob der Weg zu meinem Nutzen ist. Und wenn ich ein Esoteriker wäre, dann würde er mir auch noch zeigen, ob er zum Nutzen aller Menschen wäre. Wir würden in den Zustand des paradiesischen Einsseins zurückkehren. Das ist aber nicht möglich. Denn Sartre sagt sehr richtig, daß der Mensch im Gegensatz zum An-Sich-sein alles anderen Seienden steht. Und das meint sein Nichtsein. Es meint zuerst einmal, daß der Mensch sich von diesem An-sich-sein unterscheidet. Die Prägung durch das Nichts ist der tiefste Grund für den unüberbrückbaren Gegensatz zwischen den Menschen und den Dingen. Aber gerade durch diesen Gegensatz wird das menschliche Handeln in seiner Freiheit erst möglich. Wobei Sarte den Menschen nicht als glücklichen Freien sieht. Für ihn ist der Mensch zur Freiheit verdammt, worin allerdings auch seine Würde besteht. In seinem Streben, den paradiesichen Zustand des An-sich-sein zu erreichen, den er nie erreicht, aber im Kampf mit den Widerständen zu erreichen sucht, die sich ihm entgegenstellen. Im Sinne Faust, wäre damit endgültig gesagt, daß der Verweilaugenblick unerreichbar ist, obwohl ich mich frei entscheiden kann, ob ich leben will oder nicht, womit wir auch wieder bei Camus entscheidender philosophischer Frage nach dem Selbstmord wären. Ich kann mich verändern oder nicht. Ich kann lieben oder nicht. Ich bin immer schon Freiheit, ob ich will oder nicht. Aber das würde ja bedeuten, daß ich in der Erkenntnis dieser Verurteilung zur Freiheit und des camuschen dagegen getrotzten ‘Ich bin glücklich, weil und nicht obwohl es absurd ist’ das einzig wirkliche philosophische Ziel erreicht hätte. Denn dann bleibt ja nur noch die Frage, ob das Leben einen Sinn hat und ob ich mich umbringen sollte oder nicht. Der Esoteriker und in diesem Augenblick stimmt er mit Sarte überein würde sagen: Was ich jetzt tue oder lasse, schafft meine Vergangenheit, die unabänderlich ist Mit der Erinnerung daran müssen wir dann weiterleben. Natürlich können wir uns entscheiden, uns nicht daran zu erinnern. Wir können versuchen, uns glaubhaft zu machen, es sei nicht geschehen. Aber wir wählen dann in Freiheit den Selbstbetrug.
Aber neben der Verurteilung zur Freiheit gibt es noch eine andere Beschränkung der Absolutheit dieser Freiheit. Ich gehöre per Geburt, einer bestimmten Lebenssituation und Volksgruppe an. Ich lebe zu einer bestimmten Zeit in bestimmter Umgebung mit bestimmten Anlagen und nichts davon habe ich mir auswählen können. Die Ungerechtigkeit dieser Situation, der Schmerz über das „Warum der so und nicht ich?“ ist der Anfangsgrund der Erfahrung von Absurdität. Die Esoteriker konstruieren daraus einen vorgeburtlichen Willen, eine vorexistentielle, essentielle freie Wahl in einem Zustand zwischen vielen Leben. Die Philosophie kann nicht das Gegenteil beweisen. Aber ich denke wie Camus, daß es auch nicht wichtig für dieses Leben ist. Viel wichtiger ist, daß es von meinem Entwurf abhängt, wie ich meine Situation, meine Vergangenheit, mein Erleben und mein vergangenes Handeln sehe. Und in diesem Punkt widerspricht mein Entwurf den Esoterikern, die aus welchen Gründen sei einmal dahingestellt, die Würde des Menschen – vielleicht die letzte Hoffnung angesichts der grauenvollen strukturellen Leiden der Gegenwart und der grauenvollen ökonomisch-ökologischen Situation der Erde – mit Füßen treten, indem sie ihn nur als Existenz sehen, der die Essenz vorhergeht.


Eine Essenz, die kosmisch eingebettet ist und Sinn produziert. Der Mensch aber ist frei und er hat damit auch Verantwortlichkeit, auch wenn er es nicht realisiert., wobei Sartre das Moment des Unbewußten und des Unterbewußten vernachlässigt. Indem sich der Mensch als frei erfährt, erfährt er auch im Widerstand und im Konflikt mit dem Anderern die Grenzen seiner Freiheit. Für die Esoteriker, eine Menschengruppe im übrigen, mit der sich kein ernsthafter Philosoph auseinandersetzen darf, wenn man dem gesellschaftlichen Konsens glauben darf, ist die Begegnung mit dem anderen eine Lebensaufgabe, eine Lernsituation. Für Sarte ist Folge der unmittelbare Konflikterfahrung mit dem Anderen, daß der Mensch im Interesse seiner eigenen Freiheit ständig versucht, den anderen seiner Freiheit zu berauben. Es kommt zu der paradoxen Situation, daß ich Freiheit beseitigen muß, nämlich die Freiheit des Anderen, um Freiheit zu gewinnen, nämlich meine eigene. Dann mache ich aber die Erfahrung, daß ich die Freiheit des Anderen nicht beseitigen kann. Ich kann ihn foltern, quälen und zu zerstören versuchen. Aber damit foltere, quäle und zerstöre ich auch mich, denn meine Freiheit hängt von der Freiheit des Anderen ab. Es bleibt somit nichts anderes übrig, als daß der, welcher seine eigene Freiheit will, diejenige des anderen als gegeben hinnimmt.

Ich kann meine Freiheit nicht zum Ziel nehmen, wenn ich nicht zugleich die Freiheit der anderen zum Ziel nehme. [Zi 75]

Und indem sich der Mensch wählt, bindet er nicht nur sich selbst, sondern er bindet gleichzeitig die ganze Menschheit. Und diese Verantwortlichkeit meiner Freiheit für die ganze Menschheit wäre etwas, was der Esoteriker sicher gutheißen würde, auch wenn er der Meinung ist, der Mensch könne das Nichts des Für-sich-sein durchbrechen und zum An-sich-sein gelangen. Nach Sartre wählt der Mensch für sich immer nur gut – das hieße also auch in Übereinstimmung mit einem generellen Menschsein, das Sartre gleichzeitig ja leugnet. Indem ich mir dieser Verantwortung der freien Wahl realisiere, kommt das dritte Moment der menschlichen Existenz ins Spiel. Der Mensch hat Angst vor dieser Freiheit und der Mensch hat Angst vor dieser Verantwortung.

Der Mensch ist dauernd außerhalb seiner selbst. Indem er sich entwirft und indem er sich außerhalb seiner verliert, macht er, daß der Mensch existiert, und…indem er transzendente Ziele verfolgt, kann er existieren…Es gibt kein andres All als ein menschliches All, als das All der menschlichen Identität. [Zi 77]

Und indem Sartre versucht, in der Verknüpfung seines Existentialismus mit dem Marxismus aus der Analyse der Vergangeheit, Potential für die Zukunft zu gewinnen, indem er versucht, seinen Ansatz vom Kopf auf die Füße zu stellen, wie weiland Marx das mit Hegel versucht hat, scheitert er, obwohl und vielleicht auch weil er versucht, seine Philosophie lebbar zu machen. Er versucht sie unter die Menschen zu bringen, er popularisiert sie und damit scheitert er auch. Aus dem Freiheitsdenker wird zeitweilig ein Dogmatiker, der sich erheblich an Camus Freiheitsbegriff reibt.

Vergangenheit und Zukunft 6
09.02.2012 20:36:54
Der Mensch in der Revolte als eine mögliche Antwort
auf die Ausgangsfragen
Camus sagt: Ich empöre mich, also bin ich. Er eweitert den Begriff des Menschen in der Revolte zu einem, also sind wir und es gilt dennoch wir sind allein.Im Ringen mit der Geschichte fügt die Revolte das Neue hinzu, daß wir nicht töten und sterben müssen, um das Wesen hervorzubringen, das wir nicht sind, sondern leben und zum Leben erwecken, um das zu schaffen, was wir sind [CB 107]Camus weist nicht zu Unrecht darauf hin, daß die Macht, der Totalitarismus und auch die gedanklichen Neuerer seit der Antike stets der Kunst mißtraut haben. Warum? Ist es, weil die Kunst die Wirklichkeit in Frage stellt? Eher nein. Es ist wahrscheinlich wegen etwas, das das philosophischen Denken in einer atheistischen Wirklichkeit nicht vermag. Die Schönheit des Gegenwärtigen zu steigern und damit auch zu transzendieren, Natur und Geschichte zu verbinden, wenn die Kunst nicht in plattem Realismus und nicht in plattem Formalismus erstarrt. Platter Formalismus muß im totalen Nihilismus enden und platter Realismus in der Propaganda. Auch Sloterdijk weist in seiner KRITIK DER ZYNISCHEN VERNUNFT darauf hin, das die kynische Revolte des Künstlers zur Versöhnung des Individuellen und des Universellen beiträgt. Es geht in der Revolte des Menschen nicht um das maßlose Zerschlagen des Bestehenden, es geht darum die Häßlichkeit und die Unmenschlichkeit der Welt abzulehnen und in dieser Revolte vor allem das Maß zu finden, das sicherlich Folter, Naturzerstörung, Hinrichtung und Krieg als Mittel ablehnt. Es geht Camus nicht um einen Staat der Künstler. Es geht ihm um etwas, das Sartre offensichtlich falsch versteht oder nicht verstehen will. Es geht Camus nicht um völlige Freiheit. Denn in einer solchen Philosophie der Freiheit sieht Camus schon die Gefahr der neuen Religion, des neuen Dogmas, dem Sartre ja auch verfällt. Der Mensch in der Revolte macht der völligen Freiheit den Prozeß. Und schon in dieser Formulierung erscheint fast absurd und gleichzeitig nahezu utopisch, was Camus fordert:

Um das Sein zu erobern, müssen wir von dem bißchen Sein ausgehen, das wir in uns entdecken und dürfen es nicht zugunsten eines eingebildeten Seins verneinen. Leben und sterben lernen und, um Mensch zu sein, sich weigern, Gott zu sein. Der Mensch ist nicht ganz und gar schuldig, denn er hat die Geschichte nicht begonnen, und auch nicht ganz und gar unschuldig, denn er setzt sie fort. Die wahre Großzügigkeit gegenüber der Zukunft besteht darin, alles der Gegenwart zu geben. [CB 109]
In gewisser Hinsicht hat die Geschichte von morgen einen anderen Sinn, als man glaubt. Er liegt im Kampf zwischen der Schöpfung und der Inquisition. [CB 109]

Indem der Künstler schafft und nicht Gott ist, versteht er vor allem und versucht, nicht zu richten und Gesetze zu erlassen. Er will nicht die Wahrheit gepachtet haben. Er will keine fertigen Lösungen und einfache Moralvorstellungen predigen. Manchmal fordert er auch heraus, aber nur mit dem Ziel der verantwortlichen Freiheit. Und in diesem Punkt sind Camus und Sartre gar nicht so weit auseinander. Denn die Wahrheit ist nicht einfach und mediengerecht. Sie ist fast ungreifbar und muß ständig neu erobert werden. Und es ist verdammt hart, diese Freiheit zu leben, denn es ist gefährlich, manchmal sogar lebensgefährlich, aber es ist berauschend.


Der Künstler der dabei sein Maß verfehlt , sich zum Tugendprediger aufwirft, ohne sich selbst mit ins Boot zu setzen, erscheint dabei genauso fragwürdig wie der, der sich zum Clown des Marktes macht, sich auf die bloße formale Unterhaltung dieser Händlergesellschaft einläßt und munter das Spiel von des Kaisers neuen Kleidern mitspielt. Zu berühren, selbst wenn es Haß und Neid einträgt, erscheint mir auch in Camus Sinne wahrhaftiger, als Erfolg zu haben. Erfolg ist etwas höchst Zweifelhaftes, weil es den Künstler nicht von seiner existentiellen Suche abbringen darf und viel zu oft in unserer Gesellschaft mit Glück verwechselt wird. Glücklich sein, kann man auch wenn man arm ist oder krank oder ohne Erfolg oder jung oder alt, hätte Camus vermutlich gedacht. Während materieller Erfolg noch lange kein Garant für ein glückliches Leben ist oder einen glücklichen Tod. Die Hoffnung auf die Zukunft nicht verlieren, die Vergangeheit bewußt machen und der Wahrheitssuche der gegenwärtigen Wirklichkeit im Bewußtsein von Vergangenheit und Zukunft zu dienen, ist Camus Credo gewesen. Ich bin glücklich weil es die leidvolle Vergangeheit gibt. Ich bin glücklich, weil ich eine Zukunft habe und sei es die meines Todes. Ich bin glücklich, weil ich in maßvoller Freiheit schaffe. Kurz und gut. Ich bin glücklich, weil es absurd ist und kein lächerliches Spiel, in dem alles gilt, was erlaubt ist. Das gilt für Camus und das ist eine wesentliche Antwort auf die Ausgangsfrage des Essays.

Kurzexkurs über das Biographische

Genausowenig wie man Hölderlins Werk wirklich gerecht werden kann, wenn man nicht sein Schicksal im Turm betrachtet. Genausowenig wie es möglich ist, sich Van Gogh, Nietzsche, und den vielen anderen, die das Ringen um die Wahrhaftigkeit um den Verstand gebracht hat, zu nähern, ohne Anteil an ihrer Biographie zu nehmen, kann man das Camus, Sarte, Kierkegard und den vielen anderen, die bereits Erwähnung gefunden haben. Sich in ihren Leben über möglichst mehrere Biographien und ihre Tagebuchnotizen, ihre Briefe und persönlichen Äußerungen zu versenken, die von Zeitzeugen erhalten worden sind, bedeutet keineswegs, einen positivistischen Ansatz zu verfolgen. Aber der subjektive und damit auch irrende Zugang ermöglicht Querverbindungen und das Bewußtsein der Widersprüchlichkeit auch jener, die man sonst angesichts ihrer Texte und Kunstwerke trotz aller Denkmalfeindlichkeit der Gegenwart – die Mythen der Medien seien in diesem Zusammenhang ausdrücklich ausgenommen – wieder auf einen Sockel hebt, der in den meisten Fällen nicht ihrer Intention entspricht, sogar ungerecht wird im Angesicht ihres verzweifelten Ringens. Aus Platzgründen war das Wenigste dieses Zugangs auf diesen Seiten unterzubringen und dennoch sei erlaubt, auf die immense Wichtigkeit dieser Zusammenhänge hinzuweisen. Relativieren doch solche Seiten auch die eigenen Bemühungen angesichts von virtuellen Welten und viel Warenschein, mit der gerade in den europäischen Gesellschaften der Versuch unternommen wird, den Tod aus dem Alltag zu verdrängen und die Dominanz von Markt und Kapital zu glorifizieren. Am Ende jeder Biographie steht unwiderbringlich der Tod und es scheint nahezu unmöglich, daß er für die Außenwelt die Widersprüche auflöst. Camus zeigt in seiner Figur Mersault, daß der glückliche Tod möglich ist, wenn der Sterbende spätestens im Angesicht des Todes für sich den letzten Widerspruch auflöst. Er durchdringt das Paradox, daß die Zukunft nicht von der Vergangenheit und die Vergangenheit von der Zukunft befreit werden können.

Vergangenheit und Zukunft 5
09.02.2012 20:28:50
Kierkegard         G L A U B EWenn man sich auf den Weg der Betrachtung der Ausgangsfrage begibt, kann man nicht an Kierkegard und seiner Verzweiflung vorbei gehen. Für den christlichen Philosophen Kierkegard ist die Existenz Verzweiflung, denn das Selbst des Mensch, das ein Verhältnis des Menschen zu sich selbst ist, steht im Regelfall in einem Mißverhältnis zu sich selbst. Das Wesen jeder Verzweiflung ist, sich selbst loswerden zu wollen, nicht man selbst sein zu wollen oder nicht ein Selbst sein zu wollen.
Vor dem Hintergrund von Kierkegards Kampf mit der protestantischen Kirche seiner Zeit, der bis zur Zerstörung der eigenen Existenz ausgefochten wurde, fällt vor allem sein glühender Kampf für den Einzelnen auf, angesichts von uralten Strukturen, die nur in Richtung einer Vermassung und Entindividualisierung führen. Der Mensch, der nicht darum kämpft, zu sich selbst zu finden, ist verzweifelt, ob er es nun weiß oder nicht. Dabei ist es nie mit Theorie und bloßem Wissen getan, sondern nur das aktive Handeln, Einsatz und Entscheidung der Person birgt Veränderung. Nur wer um sein Handeln ringt, nicht darüber disputiert und sei es daß er in seinem Handeln scheitert, kann zu sich selbst finden, wobei Kierkegard diese Überwindung der Verzweiflung nur christlich sehen kann, nur im Kontext einer Transzendenz, die die Gottseite des Menschen, seine innere Seite ist. Wichtig ist sicher auch, daß für Kierkegard dieser Prozeß nie abgeschlossen ist. Damit steht er vor allem gegen Hegels Überwindung von These und Antithese im Lauf der Geschichte. Für Kierkegard gibt es nur entweder oder. Der historische Prozeß verläuft nicht logisch, sondern sprunghaft, was sich in der Angst des Menschen äußert, der sicher weiß, daß Bewegung nur durch Sprunghaftigkeit möglich ist. Und dort wo die Angst ist, da ist auch die Freiheit verborgen und das Nichts. Und dann benötigt der Mensch, so Kierkegard, den Glauben, um das Wagnis des Handelns überhaupt eingehen zu können. Denn der Mensch weiß, daß er durch seine Geburt in die Schuldhaftigkeit der Welt tritt.


Die Belastung durch eigene und durch fremde Schuld läßt sich nicht trennen. Die Geschichte, um deren Neuwerden gerungen werden muß, ist die eines Menschen, der in der Geschichte seines eigenen Daseins die Geschichte des ganzen Menschengeschlechtes seit dem Fall Adams widerholt und unlösbar in sie verflochten ist. [KS 17]

Aber diese Schuldhaftigkeit, dieses schuldhafte in die Welt geworfen sein, ist durch den religiösen Weg überwindbar. Im Gewinn der letzten Innerlichkeit, vollkommen auf sich selbst gestellt, kann das Selbst im Ich-glaube-obwohl-es-absurd-ist seine Verzweiflung überwinden, die aus der Schuldhaftigkeit der Menschheit in der Vergangenheit herrührt, wobei die Überwindung der Verzweiflung keine heroische Leistung des Ichs, sondern ein Akt der Gnade ist. Außerdem kann diese Gnade des Glaubens auch wieder in Frage gestellt werden, diesmal durch die Transzendenz, diesmal durch Gott selbst.

Der ästhetische Weg der reinen und untätigen Beschauung dessen, was war, wird aber dabei von Kierkegaard genauso als falsch gegeißelt wie der ethische, der zwar schon zur entscheidenden Tat und in die freie Wahl führt, aber ohne die religiöse Dimension nur in der Verzweiflung, der Angst, und nicht im Auffinden des wahren Selbst mündet.

Aber Kierkegard philosophiert nicht nur über die existentielle Dimension der Vergangenheitsbewältigung der Menschheit in der ‘Krankheit zum Tode’, er philosophiert auch über die Zukunft in ‘Furcht und Zittern’. Nachdem die ganze Geschichte nach hinten hin aufgerollt und ihr standgehalten worden ist, darf der Mensch sich nun nicht in die bigotte Karrikatur eines religiösen Lebens hineinflüchten. Es gilt, der Vergangenheit standzuhalten und sie in die Zukunft zu leben, indem die Existenz mit all ihren Kräften an der Verwirklichung all ihrer Möglichkeiten in der Gnade des Glaubens wirkt. Das schließt das komplette Scheitern ein, das Kierkegaard durchaus am eigenen Leib erfahren hat. Der Mensch, der dann noch glaubt, ist ein wahrhaft Gläubiger, sagt Kierkegaard. Er wird frei von der Welt und findet zugleich zu Gott.

Kierkegaards Position, die ohne Zweifel den Existentialismus vorbereitete, hat aber auch fatale Paralellen zum New Age und zu der Einstellung unseres bereits oben erwähnten Esoterikers. Denn es erscheint mir abgesehen von der ausgesprochen qualvollen Lektür für einen Heutigen nur ein kleiner Schritt bis zu der fatalistischen Schicksalsergebenheit der gegenwärtigen Sinnsucher, die in allem letztendlich oft noch weitergehen und nicht nur die schuldhafte Verstrickung der ganzen Menschheit suchen, sondern sogar noch ihre eigene aus vielen vergangenen Leben.

Vergangenheit und Zukunft 4
09.02.2012 20:25:37
Das Prinzip H O F F N U N GWer sind wir? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Was erwarten wir? Was erwartet uns? [PH1]Auch ich fühle mich verwirrt, angesichts all der Fragen. Der Boden wankt und eigentlich wissen wir nicht warum. Mein Zustand ist Angst. Das weiß ich und darüber habe ich gelesen. Wird die Angst bestimmter. So wird sie zur Furcht. Und auch ich bin in die Welt gegangen und habe das Fürchten gelernt, obwohl ich mich ehedem vor nichts gegruselt habe. Und Ernst Bloch fordert, daß endlich Schluß sein müsse mit der Angst und der Furcht. Es gelte, das Hoffen zu lernen. Er verweist auf die Zukunftshoffnungen der Menschen angesichts dessen, was Vergangenheit ist. Natürlich vergißt er nicht das Schale, Billige und Banale von menschlichen Tagträumen zu unterscheiden.Aber ein anderer Teil reizt auf, läßt mit dem schlecht Vorhandenen sich nicht abfinden, läßt eben nicht entsagen. Dieser andere Teil hat das Hoffen im Kern, und er ist lehrbar. [PH 1]

Bloch entwirft die Hoffnung als Motor in die Zukunft und zeigt auf, daß dem Menschen die Hoffnung auf etwas im Bewußtsein des Vergangenen viel gemäßer ist als die Furcht vor der Zukunft. Einzig in den Zeiten gesellschaftlichen Niedergangs stelle sich die Furcht vor die Hoffnung und gegen sie. Und es frappiert wie hochaktuell der Text immer noch oder schon wieder ist, obwohl er vor bereits fünfzig Jahren geschrieben wurde. Zukunftslosigkeit und Hoffnungslosigkeit entwirft er als die wahren Geißeln der Menschheit, die dem Menschen vielleicht das Unaushaltbarste und das Unerträglichste schlechthin seien. Aber es geht nicht um trügerische, schwindelhafte Hoffnung, sondern um die wissend-konkrete Hoffnung, die aber nicht mit einer pragmatisch-vordergründigen Steuerung zu verwechseln ist. In der vom hoffnungsvollen Denken durchdrungenen Analyse des Vergangenen ist es möglich, die Zukunft und damit die Menschheit vom Ballast der Vergangenheit zu befreien und nicht in Anschaung und Auslegung zu resignieren.

Philosophie wird Gewissen des Morgen, Parteilichkeit für die Zukunft, Wissen der Hoffnung haben, oder sie wird kein Wissen mehr haben. [PH 5]

Ernst Bloch geht natürlich immer in der marxistisches Tradition stehend um docta spes, gelehrte Hoffnung, auf der Basis eines materialistisch dialektischen Geschichtsbildes, das in sich alle Probleme birgt, die sich schon im Werk von Marx verbergen.
Bloch führt die Kategorie des Utopischen ein, worunter er vor allem versteht, den natürlichen, was wohl so viel bedeutet wie gewesenen und gegenwärtigen, Gang der Dinge zu überholen. Ein Noch-nicht Bewußtsein soll im Menschen gebildet werden, um im Sinne seines Utopieverständnisses ein Nocht-nicht-Gewordenes möglich zu machen. Die Wunschbilder der Welt und der Geschichte betrachtend unterscheidet er scharf zwischen den nur profitorientierten Wunscherzeugungsmaschinen der Vergnügungsindustrie und ich würde ergänzen der modernen Medien- und Warenwunderwelt und den Wünschen, die sich in anderen Formen von Kunst und Volkskunst ausdrücken, als Bilderfür die geheimen und nicht immer bewußt gemachten Traumziele.

Und so zeigt sich die gesamte Kunst mit Erscheinungen gefüllt, die zu Vollkommenheitssymbolen, zu einem utpoisch wesenhaften Ende getrieben werden.

Hier liegt das Neue bei Bloch, der über die Sozialutopien hinaus geht und daraus eine Philosophie der Utopie entwickelt. Und wider stoßen wir an die Grenze des Todes, die Bloch den „härtesten Gegenschlag zur Utopie“ nennt und gegen die er „Hoffnungsbilder gegen den Tod“ setzt, wohlwissend, daß das Bewußtsein vom Tod auch die Geburtsstunde der Utopie ist. Natürlich karrikiert hier Bloch vor allem jene falschen Hoffnungen aus dem Reich der religion, die er ganz in der Tradition von Marx als Opium fürs Volks entlarvt. Ihm geht es ja gerade um eine Überwindung der unüberwunden-unbewältigten Unmenschlichkeit des Menschen und seiner Gesellschaft, die er in seiner Enzyklopädie der Hoffnung diskutiert. Bloch konstatiert, daß die Philosophie vor Marx in der Erinnerung stecken geblieben sei und damit nicht wirklich zum Prinzip Hoffnung habe beitragen können. Er nennt die Erinnerung Zukunft an der Vergangenheit, die ein Aufkommen der Hoffnung und damit auch eine Erinnerung der Hoffnung unmöglich macht.

So schien man bereits hinter die Tendenz des Seins gekommen, das ist, hinter ihr angekommen zu sein. So schien der Realprozeß der Welt schon selber hinter sich gekommen, angekommen, stillgelegt zu sein. Das Bildend-Abbilnde des Wahren…Die Welt ist vielmehr voll Anlage zu etwas, Tendenz auf etwas, Latenz von etwas, und das so intendierte Etwas heißt Erfüllung des Intendierenden….Versteht sich das Sein aus seinem Woher, so daraus nur als einem ebenso tendenzhaften, noch unabgeschlossenen Wohin. [PH 17]

Wesen des Seins kann nie das zukunftslose Verhaftetsein an der Vergangenheit sein genausowenig wie das vergangenheitslose Verhaftetsein an Zukunft. Aber Wesen ist nie Gewesenheit sondern

Das Wesen der Welt liegt selbst an der Front.[PH18]

Vergangenheit und Zukunft 3
09.02.2012 20:19:43
Kann man die Vergangenheit von der Zukunft der Liebe trennen
oder die Zukunft von der Vergangenheit der Liebe?
Nun bleiben aber Glaube, Hoffnung, Liebe; am größten jedoch unter ihnen ist die Liebe. [Kor I,13,3]Was bleibt noch zu sagen zur Liebe, diesem unendlich leidvollen Glück oder dem unendlich glücklichen Leid, das besungen und bemalt, bespielt und betextet, befilmt und vermarktet wie keine andre Menschlichkeit wurde, obwohl vielleicht wirklich gesichert nur gelten kann, daß in unserem Gehirn einen Stoff ausgeschüttet wird, wenn wir uns verlieben. Ist Liebe ein Moment, in dem wir die Zukunft von der Vergangenheit befreien können oder die Vergangenheit von der Zukunft?Wie furchtbar hört sich die philosophische Definition von Liebe an? „Liebe erschließt als geistsinnlicher Totalakt des Menschen Personen, auch die eigene und nichtpersonales Seiendes als wert und würdig, um seiner selbst willen da zu sein.“[Phl 297]

Aber wenn man wie Max Scheler der Meinung ist, daß sich die Liebe schon im Blick erschließt, mit dem ich dem anderen begegne, dann will Liebe dem, was ihr begegnet, Zukunft eröffnen. Zukunft ohne wenn und aber und Zukunft ohne den Ballast der Vergangenheit. Eine Zukunft und Hoffnung, die sogar den Tod überwindet, wie Gabriel Marcel meint.


In der Liebe, die bei Camus in ihrer utopischen Unmöglichkeit dem Glücklichsein zu widersprechen scheint, wird im Miteinander Unbegrenztes und Unbedingtes erfahren. Sie ist also weit mehr als ein bloßes Gefühl. Im Mittelalter bei Thomas von Aquin auch als Liebe Gottes und Liebe zu Gott unterschieden, kann ich mich genauso Empedokles zuwenden, der vor allem auf das Prinzip der Vereinigung der Liebenden eingeht und der Liebe damit kosmische Macht verleiht oder bei Platon der Eros, die Liebe, als Vermittler zwischen Göttern und Menschen sieht. Aber keiner dieser Betrachtungen über die Liebe, kann mich davon befreien, selbst zu erfahren, was Liebe ist. Und in meiner individuellen Erfahrung von Liebe kann ich die Erfahrung der Überwindung der gegenseitig verhafteten Gegensätze von Vergangenheit und Zukunft durchaus überwinden und sei es nur als ein in uns wohnendes ewiges Prinzip der Hoffnung, das selbst in den dunkelsten Momenten noch davon weiß, selbst wenn wir sonst von nichts mehr wissen. Daß man an der Vergangenheit der Liebe leiden und die Zukunft davon nicht befreien kann genau wie an der Zukunft der Liebe, die von der Vergangenheit nicht befreit werden kann, das werden die meisten Menschen sogar aus eigener Anschauung wissen.

Vergangenheit und Zukunft 2
09.02.2012 20:15:34
Das Glück und Das Absurde

Alle vorangegangenen Gedanken, Diskurse und Exkurse kreisen letztendlich um die Frage nach dem Sinn. Hat das Leiden einen Sinn? Können wir uns vom Leiden befreien, indem wir uns einer Antwort auf die Ausgangs- und Themenfrage annähern, obwohl es doch gar keine eindeutige Antwort gibt. Wir können uns vom Leiden nicht befreien, denn das Leiden ist Teil des Lebens und ich neige trotz der Erklärungsversuche der christlichen Existentialisten zu der Meinung, daß das Leiden keinen Sinn hat. Die Existenz ist also absurd, wenn man nicht in Manier der modernen Sinndeuter einen gnostisch-esoterischen Sinn aufklebt und zu beweisen scheint, indem man eine Menge Zufälle als Beweis konstruiert. Aber ungeachtet der Tasache, daß das Leiden existiert, stellt sich so wie bei Rosset die entscheidende Frage. Kann ich angesichts der eigentlich unbestreitbaren Tatsache des Leids und seines absurden Unsinns, überhaupt davon ausgehen, daß es Lebensfreude und Glück gibt? Und hier scheiden sich die Geister. Rosset findet in Nietzsche den großen Bejaher, der sich über die echauffierte, die im Vermeintlichen ‘Ja’ zum Leben nur ihr radikales ‘Nein’ verschleierten und sich dabei auf Gott und die Autoritäten beriefen und er stellt Ihnen die gegenüber, die sich im Sinngestrüpp von Vergangenheit und Zukunft verfangen und den nihilistischen Schluß daraus gezogen haben. All die, die im vermeintlichen irdischen Jammertale voller Selbstaufgabe angeblich dem Wohle der Gemeinschaft dienen, verschleiern doch nur die hinter ihrer Machtgier verborgene Unfähigkeit zur Lebensfreude, indem sie sich hinter Geschmacksurteilen verschanzen.Geschmacksunterschide sind meines Erachtens nur ein sekundäres Symptom einer tiefergehenden Unstimmigkeit, die aus der Besonderheit jedes Einzelnen rührt, aus seiner persönlichen Fähigkeit, sich bestimmte Freuden zuzugestehen und bestimmte Leiden zu ertragen. [CR 87]Das legt den Schluß zu, daß Rossets Kernthese, daß das Glück sei, weil es absurd ist, zutrifft, denn selbst die Nihilisten leugnen das Glück nicht wirklich. Sie sind eben nur der Überzeugung, daß es keine Lust gibt, die die Unergründlichkeit des allgegenwärtigen Leidens vergessen machen könne. Das, was denn Glück sein könnte, wird auch zum Teil des Leidens, weil es nicht möglich ist mit ihm, das Leiden zu überwinden. Für Schopenhauer verändert sich die Wirklichkeit niemals grundlegend. Das Leben enthält im Ganzen gesehen immer die gleiche Menge Freud und Leid, nach einer Anzahl von Generationen sogar die gleichen Freuden und Leiden. Ein Gedanke, der Nietzsche angeekelt hat. Hier sieht Rosset die Ursache für Nietzsches Ekel an der Welt, den man trotz der eigentlich gegenteiligen Bedeutung Nihilismus genannt hat. Im Zarathustra legt Nietzsche dann dar, daß der Gedanke der ewigen Widerkehr, der Schopenhauers Sicht entspräche, gleichzeitig vom nihilistischen Gedanken der ewigen Widerkehr freimachen könnte. Schon wieder ein Paradox. Man könnte unexakt beinahe formulieren. Ich bin glücklich, weil es absurd ist und es ist möglich den Nihilismus mit dem Nihilismus zu überwinden. Wie ist dies aber möglich, wenn die ewige Widerkehr des Immergleichen nicht in zwei Arten zu differenzieren ist, wie viele nach der Zarathustralektüre gemeint haben. Auch Rosset kommt zu dem Schluß, daß sich Freuden und Leiden im Kreis der irdischen Wirklichkeit tatsächlich die Waage halten. Und Nietzsche ist eben kein Nihilist, der eine Unüberwindbarkeit des Leidens durch die Lust für unmöglich hält. So wie Molieres Tartuffe, der von sich behauptet, er habe gelernt, alles zu ertragen. Das ist aber nicht wahr, denn Tartuffe lehnt die Freude ab. 

weil sie in seinen Augen den Makel hat, dem ungeheuren Ausmaß des menschlichen Unglücks nicht Rechnung zu tragen, und der somit den Wein, den man ihm anbietet, mit der Behauptung zurückweist, er sei für seinen Geschmack zu leicht, während er in Wirklichkeit für ihn zu stark ist.[Rosset 82]

Gerade der höhere Wert der Freude im Verhältnis zum Leiden bezeichnet den Bejahenden, zu denen auch Nietzsche zu zählen ist. Denn sein Zarathustra zieht auf einer der letzten Seiten in seinem Gesang den Schluß: ‘Lust – tiefer noch als Herzeleid.’ Das unleugbare Leid wird überwunden durch die Erfahrung des Glücks, aber sie ist auch untrennbar damit verbunden:

So reich ist die Lust, daß sie nach Wehe durstet, nach Hölle, nach Haß, nach Schmach, nach dem Krüppel nach Welt, – denn diese Welt, o ihr kennt sie ja…Denn alle Lust will sich selber, drum will sie auch Herzeleid.[Zarathustra 557]

Als weiteres Indiz für Nietzsches Weltbejahung führt Rosset die zum 150. Geburtstag des Philosophen veröffentlichten Jugendschriften an, die zum Teil in ihrem ungestümen Bejahungspathos im Kontrast zur Interpretation von Nietzsche als Ideen- und Weltzertrümmerer erhebliches Unverständnis und Erstaunen hervorgerufen haben. Rosset sieht dagegen eine kontinuierliche Linie und keinen Bruch zum erwachsenen Nietzsche. Nietzsche ist und bleibt für ihn, und das erscheint mir höchst plausibel, der radikal Bejahende.

Nietzsches Nein [ist] stets nur Ausdruck und notwendige Konsequenz seines eigenen Ja und das Ja derer, die er kritisiert. Stets nur der verschleierte Ausdruck ihres eigenen Nein…Es ist dieses als Ja verkleidete Nein, das die nicht nachlassende und vehemente Feindseligkeit Nietzsches hervorruft. [Rosset 92]

Nietzsches „Haß“ und „Zornesliebe“ richtet sich gegen die, die mit all ihren scheinbaren Bejahungen nur vertuschen, daß sie in Wirklichkeit noch viel stärker als der Herr Tartuffe ununterbrochen und erhebliche Einwände gegen die Freunden des Lebens haben, denn sie wiegen ihrer Ansicht nach, die Leiden nicht auf, die das Leben und ich denke auch der Mensch im Besonderen hervorrufen. In diesem Sinne deutet Rosset auch Nietzsches späte ‘Umkehr’, ‘Umwertung’ und ‘Umwandlung’ aller Werte. Gerade im Sinne der scheinbar bejahenden Verfälschungen der Neinsager gilt es nicht, alles wertemäßig zu zertrümmern, sondern den Werten im Sinne der bejahenden Weltsicht eine neue Stellung zu verschaffen. Hier liegt möglicherweise auch ein Ansatzpunkt für die Nietzsche-Kritik in Sachen Wegbereitung für den deutschen Faschismus. Denn der falsch verstandene Übermensch wäre in Rossets Sinne Einer, der in jedem Augenblick

der Traurigkeit die undankbare, aber strahlende ‘zweite’ Rolle, der Freude die unangefochtene erste Rolle [zuweist]. [Rosset 93]

Bezogen auf die Ausgangsfrage würden diese Überlegungen den Schluß nahelegen, daß es gar nicht sinnvoll ist, die Vergangenheit von der Zukunft zu befreien, denn allein die Zukunft bietet die Möglichkeit, im Bewußtsein des Leides eine Veränderung der Werte zu bewirken, wie Nietzsche es nach Ansicht Rossets beabsichtigt.

Der Mangel an Hoffnung ist eine besondere Kraft, die es möglich macht, selbst in größter Armut gut zu leben und sich mit allem, selbst mit dem Schlimmsten abzufinden. Wer mit nichts rechnet, kann sicher sein, niemals enttäuscht zu werden und kann daher das Leben ohne Bedenken und Hintergedanken voll und ganz zu genießen…[Fröhlichkeit bedeutet:] daß, wer jede Illusion aufgibt, Gelassenheit erreicht, und daß, wer jede Hoffnung fahren läßt, immer als Gewinner hervorgeht.

Und es wäre in diesem Sinne sicher unverzichtbar, die Zukunft nicht von der Vergangenheit zu befreien, denn nur in einem ‘quia’ der Bedeutung ‘weil’ anstatt der Bedeutung ‘obwohl’, das eine Nichtverdrängung des Leidens einschließt, finden wir eine Bejahung des Lebens und darin die Lebensfreude selbst, weil die Welt und das Leiden ohne Sinn sind, also absurd. Sloterdijks Definition von Glück erscheint hier sehr passend.

Glück ist immer nur als verlorenes zu denken, nur als schöne Fremde. Es nährt sich aus Widerwillen gegen das Leichengift der Normalität in einem Land der harten Köpfe und der Panzerseelen [SL 20]

Vergangenheit und Zukunft
09.02.2012 20:11:05
Exkurs ins Private als Erfahrungsraum des SeinsIch habe einen Onkel, den man mit einem modernen Wort als Lobyist im Gesundheitswesen bezeichnen würde. Er ist einer von diesen modernen Strippenziehern, deren gesamtes Sein aus der Karriere herrührt, die er gemacht und aus dem Geld, das er verdient hat. Sein Auftreten ist dynamisch souverän und es ist fast unmöglich, ihm etwas anderes zu entlocken, als zugegeben oft witzige aber letztendlich kalte Zynismen, die aus einem sicher tiefen Wissen um die Absurdität moderner gesellschaftlicher Strukturen herrühren, das in einem krassen Gegensatz zu den selbst im privaten Rahmen ständig vorgetragenen Parolen des eigenen gesellschaftlichen Kampfes steht. Wann immer ich ihm begegnet bin, habe ich mich bemüht, hinter der Fassade von erfolgreicher Gleichgültigkeit gegen seine Mitmenschen, ein Stück Menschlichkeit zu entdecken, ein Stück von jenen Widersprüchen und Abgründen, die Menschen eigentlich erst interessant machen, wenn man ihnen persönlich und nicht in den Medien begegnet . Ich habe den menschlichen Kern meines Onkels nie entdecken können, trotz aller Versuche, die ich gemacht habe, und ich denke, daß er nicht einmal mehr selbst seinen eigenen menschlichen Kern kennt, den er



wahrscheinlich tief in seinem Innersten hat verschwinden lassen. Er ist für mich in seiner glatten Höflichkeit im Kontrast zur warmen Menschlichkeit seiner Frau, die nie nur öffentlich und eigentlich immer privat war, zum Inbegriff des modernen Strukturmenschen geworden, der zwar im gesellschaftlichen Kampf die demokratische Stimme erhebt, aber gar nicht mehr ermessen kann, was er mit seinen rational kalkulierten Thesen und Forderungen, möglichst multimedial verbreitet, für private und menschliche Katastrophen produziert, die nur eine Chance auf Linderung haben, wenn sie sich in die Abhängigkeit von ebendiesen Strukturen begeben, und sich um einer scheinbaren Sache willen ihrer eigenen Menschlichkeit berauben, indem sie Medienprodukt werden. Das ganze System erscheint wie eine gallertartige Masse, die sich in den letzten privaten und letzten kulturellenWinkel schleicht, ihn im Handstreich erobert und in einer Art Inzucht immerneue und immergrößere Strukturen gebiert.

Die Fußnoten werden auf Wunsch nachgeliefert. Die Bilder zeigen den Ort, an dem der Stoffwehseltransformationsbaustellenbetreieber sein erstes kreatives Desaster erlitten hat. Aber in einer Gesellschaft, die weder Fehler noch Niederlagen zuläßt, selbst in der Familie nur als Alibi für neurotische Unterdrückung herhält, eine Welt, in der Markennamen einen Wert darstellen, Menschen nur, wenn sie Markennamen sind, in einem solchen Sein können ein Desaster und eine Niederlage ja nur als Protest und Revolte einen Wert darstellen.
Natürlich fehlen in diesem Essay entscheidende Punkte, da es weder die französischen Gegenwartsphilosophen berücksichtigt noch 9/11. Als es entstand da schrieb man das Jahr 1999. Trotzdem meine ich jenseits der normalen Ichbesoffenheit, dass der Text etwas zu sagen hat.